| Eine Bestätigung für diesen Gedanken schien sich in Kreuzformen zu finden, deren ältere Exemplare so aussahen, als wären sie aus steinzeitlichen Menhiren herausmodelliert oder in diese hineingezeichnet worden. |
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Auch hier weniger aufoktroyierende Gewalt als organische Übergänge. Eines dieser Kreuze trug sogar Bildmotive, die ich am allerwenigsten im Kontext christlicher Religion erwartet hätte: spielende Delphine, die sich aufs schönste mit den ineinander verschlungenen Ornamenten vertrugen, die diese Kreuze in Anlehnung an die keltische Mythologie weiterführen. Auch deren Rad- oder Kreisformen spielen auf das zyklische Weltbild der Vorfahren und deren Glauben an Wiedererneuerung und Jahreszeiten-Verbundenheit an. Möglicherweise symbolisiert das Rad auch die Sonnenscheibe, die hier sowohl als Naturphänomen wie als "Auge Gottes" verstanden wird. Spätere Lektüre bestätigte
diese zunächst atmosphärischen Eindrücke. In der Tat belegen
zahlreiche Quellen, dass sich das keltische vom römischen Christentum
unterschied: Weder kannte es rigide Geschlechtertrennung noch die Verschränkung
von Spiritualität und Staatsgewalt, wie sie bereits in der Spätzeit
Roms entstanden war. Auch die zentralistische Organisation eines auf Hierarchie
aufgebauten Glaubensstaates war ihm fremd. In Irland gab es kein eng vernetztes
System von Klöstern wie auf dem Kontinent, sondern eher verstreute
Eremitagen, die dem Individuellen mehr Spielraum liessen: keine einschüchternden
Kathedralen, sondern einfache Bauten aus Stein, Holz oder Flechtwerk.
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All dies stand im Widerspruch zur Mission der iro-schottischen Mönche, die Naturverbundenheit und den Weg von Herzenseinsicht und freiwilligem Glauben befürworteten. Sie verzichteten z.B. auf die Erhebung des Kichenzehnten und tauften nur denjenigen, der selbst darum bat. Zwar duldete Karl der Grosse anfangs noch keltische Geistliche in seiner Aachener Pfalz (etwa den Mönch Alcuin), aber spätestens nach seiner Kaiserkrönung im Jahre 800 wandte er sich endgültig der römischen Seite zu. Die Härte seiner Sachsenmissionierung, gewaltsame Massentaufen sowie die Vernichtung altgermanischer Kulte und Schriften waren die Folgen davon. Christianisiert wurde nun vorwiegend "von oben herab": Wendete man nicht körperliche Gewalt an, so zwang man die "Heiden" doch, Glaubensbekenntnisse oder das Vaterunser auswendig zu lernen, auch wenn ihnen der Inhalt völlig unverständlich blieb. Während solcher Lektüre fragte ich mich manchmal, ob angesichts solcher jahrhundertelanger Praktiken nicht ein vorwiegend äusserliches Christentum entstanden war, dass kaum die Tiefen der Herzen erreicht hatte. Ich war froh, nicht selber in einem strengreligiösen Elternhaus aufgewachsen zu sein, so dass ich meine spirituellen Erfahrungen frei und unbelastet suchen konnte. Meine Reisen von den Megalithstätten
Schottlands zu den Christus-Visionen der Kunst und dem "keltischen
Weg" waren hierbei wertvolle Inspirationen. Dabei lernte ich zumindest,
dass jede platte Gegenüberstellung von "Heidentum" und
"Christentum" sinnlos und ohne konstruktives Ergebnis für
die Zukunft ist. Es scheint zumindest nachdenkenswert, wie wir mit diesem antagonistischen Erbe in uns umgehen. Bleibt es bei einem "pluralistischen Nebeneinander" oder ist eine Synthese denkbar, die Freiräume für beides lässt?
Mehr
über diese Thematik kann der Leser aus meinem Buch "Totenschiff
und Sternenschloss" erfahren. Literatur: Markus Osterrieder: Sonnenkreuz und Lebensbaum. Irland, der Schwarzmeer-Raum und die Christianisierung der europäischen Mitte, Stuttgart 1995 Ian Bradley: Der keltische Weg. Keltisches Christentum auf den britischen Inseln, damals und heute, Frankfurt/Main 1996 Frank Teichmann: Der Mensch und sein Tempel. Megalithkultur in Irland, England und der Bretagne, Stuttgart 1999 Paul und Sylvia Botheroyd: Irland: Auf den Spuren der Druiden und Heiligen, München 1990 Miranda J.Green: Die Druiden. Die Welt der keltischen Magie, München 1998 Lancelot
Lengyel: Das geheime Wissen der Kelten, entschlüsselt aus druidisch-keltischer
Mythik und Symbolik, Freiburg i.Br. 1969
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