Nach der Rückkehr von dieser ereignisreichen Reise vertieften zwei Erlebnisse mein Gefühl für das Christentum und rissen einen spannenden Zwiespalt in mir auf, der mich bis heute beschäftigt.

Ich hörte die Matthäuspassion von Bach und sah die berühmte Kreuzigungsdarstellung des spanischen Malers Velasquez.

   

 

Beides war nicht weniger aufwühlend als meine Erlebnisse im "heidnischen Schottland". Sowohl in der Musik als in dem Gemälde spürte ich eine Kraft, die noch über das Elementare und Magische der Kelten hinausging.

Während mich deren Götter aus geometrischen Figurationen, Kultsteinen oder rauhen Holzikonen anblickten, sprach hier eine transzendente Stimme durch einen leibhaftigen und leidenden Menschen. Nicht allgemeine Naturkräfte redeten zu mir, sondern ich fühlte mich als Individuum angesprochen und als solches in seiner Einmaligkeit und in seinen Schwächen angenommen.

Die Bachschen Choräle und der fast mädchenhafte Christus von Velasquez erzählten etwas davon, was ein Gott in Gestalt eines Menschen auf der Erde erfuhr und warum er doch am Postulat der Vergebung festhielt. Hier war keine transzendente Macht spürbar, die im Meeresrauschen oder im Feuer wohnt und meinem Schicksal letztlich gleichgültig gegenübersteht, sondern eine miterlebende, mitleidende, die den Wert eines Menschen nicht mehr von seiner Stammesgehörigkeit abhängig macht.

Mitgefühl, Demut und Individualität kannten die Kelten noch kaum: Wie bei allen archaischen Völkern war der Überlebenskampf stark ausgeprägt und das Recht des Stärkeren allgemeines Gesetz. Der Kampf und wohl auch die Lust daran gehörten zum täglichen Leben. Wer ihn nicht bestand, fiel aus der Gesellschaftsordnung heraus.

Mit den höheren Wesen und schicksalsbestimmenden Naturkräften verband man sich u.a. durch das Opferblut von Tieren und Menschen. Auch solche Rituale fanden an den Steinkreisen und keltischen Hainen statt: Wäre ich, der ich dort gerne geträumt hatte, ihrer schaurigen Wucht gewachsen gewesen?


   

Zwar hinterliess das Christentum als Institution eine grössere Blutspur als alle heidnischen Opferpriester zusammen. Aber der Grundimpuls der Bergpredigt führte das weiter, was schon der jüdische Prophet Josea in den schönen Satz: "Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer" gekleidet hatte.

Nicht Priester oder Theologen brachten mir diese Erkenntnisse nahe, sondern ein Maler und ein Musiker: vielleicht weil sie auf Dogmen und Überredungskünste verzichteten und ihre Visionen in Farben und Tönen mitteilten.
Taliesin   Skellig Michael