Auch das Gedicht "Wanderungen" des keltischen Barden Taliesin drückt eine solche Auffassung aus:
"Ich war schon in vielen Gestalten,
bevor ich die passende Form fand:
Ich war ein goldener Speer,
ein Tropfen im Wind,
der fernste der Sterne,
am Anfang ein Buch,
war das Licht einer Lampe,
die Brücke über dem Fluss,
Meer und Adler,
der Schmaus eines Festes,
der Tropfen im Guß,
Schwert und Schild,
Saite der Harfe,
war Wasser, war Schaum,
ein Schwamm im Feuer,
bin in der Tat ein geheimnisvoll Holz."

 




Bis heute taucht diese Perspektive ständiger Formwandlung nicht nur in der keltischen Ornamentik auf, sondern auch im Denken der Menschen, etwa in ihrer Art, Geschichten zu erzählen, die Alltägliches und Geheimnisvolles verbinden.

Nicht nur die grossen Dichter der keltischen Länder (Yeats, Joyce, Beckett, Dylan Thomas) beherrschen dies meisterhaft, sondern auch die "kleinen": In einem Pub in Ullapool bekam ich nicht nur die übliche Volksmusik geboten, sondern eine ältere Dame schwang sich auf einen Barhocker und erzählte improvisierte Geschichten auf eine spannende und witzige Art, wie ich sie vorher nie gehört hatte.

Auch mancher Bauer auf den entlegenen Hebriden verfügte noch über diese Kunst und ich hörte dort alte Volkslieder, in denen das Mythisch-Märchenhafte längst vergangener Zeiten wieder lebendig wurde:

Eines, von einer ca. vierzigjährigen Frau ohne alle Begleitung vorgetragen, handelte von einer Meerjungfrau, die ein Fischer eingefangen und zu seiner Ehefrau gemacht hatte. Willig diente sie ihm viele Jahre und brachte auch einige wohlgeratene Kinder zur Welt. Als aber der Fischer eines Tages heimkehrte, fand er statt seiner Frau eine Nachricht auf dem Küchentisch: Bei der Verrichtung ihrer Arbeit sei das Fenster vom Wind aufgeweht worden und sie habe von fern das Rauschen des Meeres gehört. Da sei sie nach einiger Zeit schwach geworden und habe der heimatlichen Stimme folgen müssen.

   

Auch ich war einem magischen Wort aus meiner Kindheit gefolgt und zu Bereichen gelangt, die mich heimatlich berührten, als ob ich lange mit ihnen vertraut war.

Interessant war für mich die Feststellung, wie stark mich Bilder aus weit entfernten Zeiten anrührten, so als hätten die Kulturepochen dazwischen kaum Macht über mein Gefühlsleben gehabt. Was war mit der vielbeschworenen Überwindung des Heidnischen durch das Christliche, des Archaischen durch Aufklärung und Rationalität ?

Hatte in mir beides Platz nebeneinander?


Keltische Ornamentik

  Christus