Was war geschehen? Hatte die Reise mich nicht nur in ein unbekanntes Land getragen, sondern in Bereiche meines Unterbewußtseins, die noch im Dunkel lagen, aber gleichwohl viel mit mir zu tun hatten?

Betrat ich eine Art Heimatboden, eine seelenverwandte Region, obwohl sie Hunderte von Kilometern von meinem eigentlichen Geburtsort entfernt lag?

In Schottland beeindruckten mich nicht nur die Natur und die liebenswürdig-originellen Menschen, sondern vor allem magische Orte einer längst vergangenen Menschheitsepoche: Nie zuvor hatte ich Steinkreise, Dolmen oder Siedlungen der Steinzeit gesehen, auch so gut wie nichts über die Kelten und ihre Bräuche, Symbole und Märchen gewußt.

 

Das erstemal in meinem Leben begegnete ich Resten des alten, vorchristlichen Europa, von denen ich zuvor nur gehört hatte, dass sie barbarisch, rückständig und gottlob von Christentum und Aufklärung überwunden worden waren.

Warum rührten sie mich so stark an? Stärker als etwa der Zen-Buddhismus, mit dem ich mich einige Jahre intensiv beschäftigt hatte, weil ich in Europa und Deutschland keine ernstzunehmenden spirituellen Alternativen gefunden hatte.

Schottland - und auf späteren Reisen auch Irland - schien bis in die heutige Zeit Reste einer heidnischen Weltsicht und Naturreligion bewahrt zu haben, die ich zunächst rational nicht verstand, aber die gefühlsmässig stark auf mich wirkte.

Gemeinsam mit einer Engländerin, die ich auf der Fahrt kennengelernt hatte, fuhr ich zu dem eindrucksvollen Steinkreis von Callanish auf der Hebriden-Insel Lewis. Ihren Eindruck von der kraftvollen Aura des Ortes fasste sie so zusammen: Wenn es dort Frühling ist, ist es mehr Frühling, wenn es schneit, mehr Winter.

 



Tatsächlich vermittelt die Steinsetzung etwas davon: Sie bündelt unsere Wahrnehmung, man schaut in Beziehung zu ihr auf das Spiel der Wolken, den Lauf der Sonne und die Sterne. Wir blieben einen Tag und eine Nacht und erlebten das altertümliche Monument während verschiedener Tageszeiten und Lichtstimmungen. Erst später erfuhr ich, dass es von seinen Erbauern vor ca. 5000 Jahren - zeitgleich zu den ägyptischen Pyramiden - auch in Bezug auf Sonnen- und Mondaufgangspunkte errichtet worden war.

Die eigentliche Atmosphäre des Ortes lässt sich kaum in Worte fassen. Wenn nachts das Geräusch des nahen Meeres herüberklingt und sich sonst Totenstille ausbreitet, fühlt man sich wie aus der Zeit herausgehoben. Man ahnt, dass hier vor Jahrtausenden bereits intelligente Menschen wohnten, mit einem tiefen Gespür für die Kräfte des Kosmos, das Mysterium des Wachsens und Vergehens - umgeben von einer dramatischen Natur, in der die Kräfte des Elementaren nackter hervortreten als in südlicheren Regionen.

Schnell kann in Schottland nach einem Regenguss die Sonne wieder auf der Haut brennen und während man von ihr beschienen wird, sieht man einige Kilometer weiter Wolken das Land in düstere Schatten tauchen. Unterhalb der steil abfallenden Klippen klatschen die Schaumkämme des Atlantischen Ozeans gegen die Felsen und auch das Meer kann innerhalb kurzer Zeit von lieblichem Wellenspiel zu wütender Brandung wechseln.

Alles ist hier in ständiger  Veränderung, nur die Steine stehen regungslos. Wollen sie damit das Bewusstsein für das Vergängliche schärfen oder auf unveränderliche Grundkräfte in uns und der Natur aufmerksam machen? Man muss kein Esoteriker sein, um an einem solchen Ort in Gedankenspiele verwickelt zu werden, die über das Alltägliche und Profane hinausgehen.

Schottland     Keltische Ornamentik