Von diesen starken und gegensätzlichen Eindrücken waren meine nächsten Reisen in Schottland und Irland geprägt: Nun suchte ich nicht mehr nur nach "Ultima Thule", sondern nach einer Vermittlung zwischen heidnischen und christlichen Elementen.

Ich fand etwas davon in der speziellen Ausprägung, die das Christentum in den keltischen Ländern erfuhr und wurde auch hierbei durch anschauliche Schlüsselerlebnisse geführt.


 


Eindrucksvoll war etwa der Besuch von Gebetskammern des frühmittelalterlichen Irland, die wohl die Vorläufer der Kirchen waren: links die "Bienenkörbe" auf der sturmumtosten Insel Skellig Michael und rechts das "oratory" von Gallarus, beide aus der Zeit zwischen 700 und 1000 n.Chr.

Anders als etwa in Mitteleuropa verlief die Christianisierung in Irland weniger gewalttätig: Viele Druiden - die ehemaligen Priester der keltischen Naturreligion - übernahmen die neue Lehre ohne grossen Widerstand und wurden die ersten Mönche und Missionare.

In der Begegnung mit den frühchristlichen Gebetshäusern erlebte ich etwas davon, was sich hier beim Übergang zum Christentum zugetragen hatte: weniger Aufoktroyierung von fremdem "orientalischem" Gedankengut als eine geistige Weiterentwicklung, ohne die wir heute nicht dieselben wären.

Während der Betende am Steinkreis oder im Hain mit den Elementen der Natur kommuniziert, schliesst er sich im Gebetshaus vorübergehend davon ab. Auch ich begab mich in die einfachen, aus Stein geschichteten Kammern und wartete, was mit mir geschah.

Nach einiger Zeit wichen die Aussengeräusche zurück. Meeresrauschen und Insektensummen drangen nur noch gedämpft hinein, Dunkelheit umfing mich und eine Stimmung der Konzentration breitete sich aus.

Ich wurde in mein Inneres gelenkt, in einen geistigen Raum, zu dem die Stimmen der Aussenwelt nur noch aus weiter Ferne klangen. Ich war nicht mehr ausgegossen in die Natur, erlebte Göttliches nicht mehr in Sonnen-, Mond- und Sternenbewegungen, sondern wurde auf einen Ichkern gestossen, schloss mich ab und trat in Kontakt mit inneren Bildern und Gedanken.

Gleichwohl war ich nicht gänzlich von der Natur abgeschnitten, wie etwa in einer gotischen Kathedrale, die das Sonnenlicht nur durch farbige Fenster hineinlässt, Gerüche mit  Weihrauch vertreibt und den Raum mit Orgelmusik füllt.

Hier aber fielen Lichtstrahlen durch die Ritzen, der Geruch von Erde und salzigem Meer umgab mich sowie das ferne Geschrei der Seevögel. Ich wurde zwar in einen seelischen Innenraum gelenkt, ohne jedoch den Kontakt mit der Natur gänzlich zu verlieren: Innerlichkeit und Ichgefühl verdichteten sich, aber blieben trotzdem in beweglichem Austausch mit den Elementen.

War dies eines der Geheimnisse des keltisch-christlichen Weges?


Christus   Das Sonnenkreuz