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...und nicht nur in Zeiten wie dieser, in der Hunderte von politischen
Gefangenen nur durch einen langen Hungerstreik ihre Forderungen nach humaneren
Haftbedingungen in der Türkei durchsetzen können. Der erste
tote "Extremist" war ein Zahnarzt. Mehr erfuhr ich aus den Fernsehberichten
nicht. Die Zwischenphasen, die in-betweens der Bewegung vom Zahnarzt zum
Extremisten, zum Hungerstreikenden, zum Leichnam kann ich mir nicht ausmalen.
Die Fernsehbilder von seiner Verhaftung und die Fotos aus der Todeszelle
passen auch nicht zu meiner Erinnerung an den Kameramann, Holger Meins.
Er gehört zu der ersten Generation der Studierenden an der DFFB.
Ich glaube, daß der Streit innerhalb der DFFB damals sich entwickelte
aus zwei unterschiedlichen Konzepten: eine schulisch-traditionelle Form
der Ausbildung, hierarchisch und autoritär versus die offene Form,
die der Name "Akademie" verspricht.
Ich gehöre der zweiten DFFB-Generation an; wir haben eine gemischte
Phase in der Ausbildung erlebt: von Charles Völsen haben wir das
Schwenken, das Zoomen und Schärfeziehen in strengen Übungen
gelernt; durch Ulrich Gregor ein erstes intensives Kennenlernen der Nazifilm-Produktion.
Vage in Erinnerungen bleiben mir die "Pflichtübungen",
die uns lächerlich erschienen: z. B. das Numerieren der Ränder
der Filmmuster und synchron dazu die Perfo-Magnetbänder mit weißer
Tinte; das Anlegen und Zusammenschneiden von einer Sequenz aus einer schlechten
SFB-Fernsehserie, usw. Wir sollten den Mist reproduzieren, der uns krank
machte.
Da einige Kommilitonen über Film nachgedacht und geschrieben hatten,
ein abgeschlossenes Studium hinter sich hatten, im Theater oder in Filmproduktionen
gearbeitet hatten, konnten wir am meisten voneinander lernen. Mir kam
es damals vor, als ob die Mehrzahl von uns schon eine klare Vorstellung
von der Arbeit mit Film hatten, mindestens von dem, was wir mit Film nicht
machen wollten; und wir, vielleicht mit einer Ausnahme, Wolfgang Petersen,
wollten mit der kommerziellen Kinoform nichts zu tun haben.
Meinen ersten eigenen Übungsfilm habe ich "Am Ende der Krankheit
- eine Pflichtmontageübung" genannt. Nach einer Vorführung
traten plötzlich zwei Studenten aus der ersten Generation vor mir
im Flur auf. Einer war dürr und groß und den anderen, G. P.
Straschek, habe ich als "Sancho Panza" in Erinnerung. Straschek
sprach: "Wir sind mit dem Inhalt Ihres Filmes nicht einverstanden,
finden aber die Kameraführung ausgezeichnet. Wir möchten Sie
deswegen einladen, mit uns zusammenzuarbeiten, als Assistent von Herrn
Meins."
Das gesprochene Deutsch konnte ich damals schlecht verfolgen und ich hatte
Mühe, alles zu verstehen was gesagt wurde. Die beiden "älteren
Studenten" waren sehr steif und formal aber herzlich. Eine ähnliche
altertümliche zeremonielle Art habe ich später in Renoirs
"La Grande Illusion" wiedergefunden. Straschek ist ein Landsmann
von Stroheim. Jahre später hat er mir angekündigt, daß
er sich mit allen Menschen in Berlin außer mir zerstritten hätte.
Ich weiß nicht, ob das als Warnung oder als Lob gemeint war. Dieses
Double-Bind war typisch Strascheck. Er erschien uns damals als der Klügste
und Belesenste von allen Kommilitonen. In seiner Wohnung standen keine
Regale: die Bücher lagen alle auf dem Fußboden in hohen Türmen
gestapelt und es war nicht einfach, sich durch seine Wohnung zu bewegen;
wie gesagt, er war sehr belesen, a walking encyclopaedia.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Anregungen, über das Filmemachen
nachzudenken, einem altem Kodak Handbuch für 8 mm Home Movies und
wahrscheinlich diesen beiden Menschen zu verdanken. Zwei oder drei Details
von den Dreharbeiten haben mich überrascht, Kleinigkeiten vielleicht,
die mich aber sehr beeindruckt haben.
Einen großen Teil der Drehzeit verbringt man im Auto: auf den Wegen
zur Drehort-Besichtigung, um Schauspieler zu treffen, bei dem Transport
der Geräte. Wir fuhren in einem R4. Holger erklärte mir, daß
die Federung dieses Autos am besten geeignet war für Kamerafahrten
auf den Berliner Pflasterstein Straßen. Man stellte den Motor ab,
nahm den Gang raus, lockerte die Bremse und auf Anweisung fing man langsam
und gleichmäßig an, das Auto zu schieben - das war meine Arbeit.
Aber das Schönste während der Autofahrten durch die Stadt von
einem Drehort zum anderen, waren die lebhaften Gespräche, die Holger
und Straschek geführt haben. Holger lenkte das Auto und Straschek
erzählte lehrerhaft und bestimmend. Holger erwiderte, stellte Fragen
oder Einwände, Straschek erklärte weiter. Ich saß auf
dem Rücksitz, wechselte Filmmaterial aus den Kassetten, hörte
zu und versuchte ein Paar zusammenhängende Sätze zu verstehen.
Bei den Filmfestspielen in Oberhausen hatte ich einen Film von Claude
Guillemot gesehen, "Dialectique" aus der Vorlage von Plato;
sehr ernst, sehr intensiv, mit wenig "Unterhaltungswert", wie
man heute sagen würde. Zwei Männer diskutieren während
eines Jagdausfluges im Auto und im Graben über die Dialektik. Es
passierte nichts Wesentliches außer reden und zuhören. Diese
Intensität, die mir witzig und absurd in Guillemots Film erschien,
war im R4 durch die Berliner Landschaft, vorbei am Siemens-Gelände
erschütternd.
Unsere Dreharbeiten zu "Aufrisse" (Arbeitstitel) schienen mir
wie eine notwendige Pause in dem unendlichen Dialog zwischen Quijote und
Sancho Panza. Während der Dreharbeiten haben Holger und Straschek
nicht viel miteinander geredet: was es zu machen gab, war schon lange
vorher ausgearbeitet, festgelegt und geprobt worden. Wir haben gemeinsam
die Technik aufgebaut und nachdem wir ein Paar Colortran-Lampen und die
Kamera aufgestellt hatten, war plötzlich Stille. Holger stand hinter
der Kamera und studierte den Raum durch den Sucher sehr genau. Er ließ
sich Zeit und irgendwann hat er angefangen, Gegenstände zentimeterweise
hin- und herzurücken. Zuerst die großen Sachen wie Tische und
Stühle und dann die mittelgroßen wie Tischlampe und Plattenspieler
und zuletzt Gläser, Bleistifte, Papiere, etc. Ich war überrascht
als er seine Hände durch die Luft über die Gegenstände
bewegte, wie ein Magier oder verzauberter Tänzer. Er rückte
eine Colotran-Lampe nach vorne oder zur Seite, schaute durch die Kamera,
verschob ein Buch um ein paar Zentimeter über den Schreibtisch, beobachtete
die Schatten der Schauspieler in ihrer Bewegungen... Seine Sorgfalt und
die Genauigkeit bei dem Aufbau eines Bildes waren mir bis dahin fremd
gewesen. Es hat mich überrascht zu erfahren, wie viele Gedanken,
Überlegungen, Entscheidungen sich in Bildern verbergen können.
Durch Holgers Arbeitsweise eröffneten sich für meine Augen unter
anderem die Welten von Ozu, Bresson und Straub.
Öfters denke ich an Holger Meins.
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