Über Paracelsus (Theophrastus Bombastus von Hohenheim) verfasste Jung drei Aufsätze, die zeigen, welche grosse Bedeutung er ihm beimass. Dieser Arzt und Naturforscher war ihm nicht nur als Vertreter der Alchemie bedeutsam, sondern repräsentierte vielleicht am exemplarischsten den "heidnischen Unterstrom" des christlichen Mittelalters, der Jung zeitlebens faszinierte.

"Ich bekenn mich auch des, das ich heitnisch schreib und doch ein christ bin", umschrieb Paracelsus selbst einmal seine merkwürdige Zwitterstellung. Heidnisch war seine Auffassung, dass die Erkenntnis vom Wesen der Krankheiten nicht aus der heiligen Offenbarung stamme, sondern aus dem "Licht der Natur", das man durch genaue Beobachtung und intuitive Versenkung schauen könne.


Mit diesem "Licht" war die Intelligenz der inneren und äusseren Natur gemeint, die von Gott in diese hineingelegt wurde und vom Arzt lediglich aufzuspüren sei. Als wichtige Instrumente dafür sah Paracelsus Erfahrung, waches Hinsehen sowie Immunität gegenüber zuviel Theorie und wissenschaftlichem Standesdünkel an. Auf seinen Reisen durch ganz Europa lernte er daher auch von "Scherern, Badern,
Balbierern, Weibern, Schwarzkünstlern, auch bei Alchemisten und in Klöstern." Seine Schriften enthalten Rezepte der Volksheilkunde und spiegeln den Glauben an Elementargeister wie "Sylphiden", "Undinen", "Melusinen" etc.: ätherische Wesen, die den menschlichen Organismus durchweben und deren Treiben für Krankheit bzw. Gesundheit mitverantwortlich ist.

Auch wenn wir heute vielen dieser Dinge skeptisch gegenüberstehen, so ermöglichten sie doch bereits vor 500 Jahren eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen, der als ein physisches, seelisches und spirituelles Wesen gesehen wurde. Vieles in Paracelsus' Schriften nimmt spätere Dinge wie Psychosomatik oder Homöopathie vorweg, auch seine Kritik an abstrakter Schulmedizin oder unpersönlichem Gesundheitsbetrieb, in dem nicht der "Mammon", sondern das "Amt des Herzens" herrschen solle.

Bei unserer heutigen Faszination für die Medizin Tibets oder des alten China vergessen wir leicht, dass es auch im mittelalterlichen Europa ähnliche Diagnose- und Heiltechniken gab, die uns - z.T. wegen ihrer dunklen Sprache - kaum mehr zugänglich sind. Jung war einer der wenigen, die das kryptische Gedankengut des Paracelsus durch eine moderne - und psychologisch übersetzte - Sprache zu aktualisieren versuchten.


- C.G.Jung: Paracelsus als geistige Erscheinung, in: Studien über alchemistische Vorstellungen, Ges. Werke Bd.13
- ders.: Paracelsus, in: Über das Phänomen des Geistes in Kunst und Wissenschaft, Ges.Werke Bd.15
- ders.: Paracelsus als Arzt" (ebd.)

- Franz Rueb: Mythos Paracelsus, Berlin-München 1995
- Heinrich Schipperges: Parcelsus heute - Seine Bedeutung für unsere Zeit, Frankfurt/ Main 1994


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