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Der Turm am See Ein wichtiges Refugium für Jung war sein "Turm" bei Bollingen am Zürichsee, in dem er vor allem im Alter fast die Hälfte des Jahres verbrachte. Inspiriert hatte ihn eine afrikanische Hütte mit Herd in der Mitte und Schlafstellen an den Wänden. Jung wollte eine Wohnstätte für sich abseits der Grosstadt errichten, welche "den Urgefühlen der Menschen" entspricht, eine "mütterliche Stätte", wie er sein See-Domizil nannte. |
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Neben Lesen, Nachdenken und Schreiben ging er hier auch anderen Arbeiten wie Holzhacken, Pflanzen, Ernten, Segeln und Meditieren nach, wie er es auch schon in seinen frühen "Wandervogel"-Jahren getan hatte. Vor allem aber liebte er die Stille, in der er sich vollkommen mit der ihn umgebenden Natur verbinden konnte: "Zuzeiten bin ich wie ausgebreitet in die Landschaft und in die Dinge und lebe selber in jedem Baum, im Plätschern der Wellen, in den Wolken, den Tieren, die kommen und gehen, und in den Dingen ... hier ist Raum für das raumlose Reich des Hintergrunds. Ich habe auf Elektrizität verzichtet und heize selber Herd und Ofen. Abends zünde ich die alten Lampen an ... Gedanken tauchen auf, die in Jahrhunderte zurückreichen und dementsprechend ferne Zukunft antizipieren." (16) |
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Mit Vorliebe schnitzt Jung Tiere und mythische Figuren aus dem Holz heraus oder lässt sie in verwitterte Mauern und Steine meisseln: eine Schlange, den keltischen Merlin, Telesphoros, den Ratgeber des Heilgottes Äskulap oder den grinsenden Trickster, der das Unberechenbare auf dem Grunde aller Dinge verkörpert. Im flackernden Schein des abendlichen Feuers oder der Öllampe erwachen sie zu neuem Leben und leisten ihrem "Herrn" Gesellschaft. |
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In einer anderen Nacht erwacht Jung von Schritten, die den Turm umkreisen und hört eine ferne, langsam näherkommende Musik, Lachen und Stimmen. Der Turm ist aber so abgelegen, dass keiner ihn - ausser über den See - erreichen kann, wo aber nichts zu bemerken ist. Jung geht ins Bett zurück, aber im Traum setzt sich das Ganze fort: |
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"Dabei hatte ich die visuelle Vorstellung von mehreren hundert dunkel gekleideten Gestalten, vielleicht Bauernburschen in ihren Sonntagsgewändern, die von den Bergen hergekommen waren und von beiden Seiten den Turm umströmten, mit viel Getrappel, Lachen, Singen und Akkordeon-Spiel. Ärgerlich dachte ich: Das ist zum Teufel holen! Ich meinte, es sei ein Traum gewesen, und jetzt ist es doch Wirklichkeit! Mit dieser Emotion erwachte ich. Wieder sprang ich auf, machte Fenster und Läden auf, aber alles war gleich wie zuvor, eine totenstille Mondnacht." (18) |
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In jener Nacht, so schreibt Jung, sei alles so vollkommen real gewesen, dass er zwischen den beiden Realitäten nicht mehr habe unterscheiden können. Einen möglichen Sinn habe er erst erkannt, als er in einer alten Schweizer Chronik etwas über den Mythos der "sälig Lüt" gelesen habe: vom Heer der unerlösten Seelen, das - angeführt vom germanischen Gott Wotan - mit Rasseln und Lärminstrumenten durch die Nacht zieht. Jung ist nicht so naiv zu glauben, dass er hellsichtig ist und irgendwelche Geistererscheinungen hören kann. Aber er fragt sich immerhin, auf welche Realitäten solche mythischen Geschichten zurückgehen: Beschrieben sie ein folkloristisches Abreagieren von "unerlösten" Trieben oder ein inneres Bild für das gelegentliche Rumoren in unserer Seele, das sich gleichwohl im kollektiven Unbewussten weiter fortpflanzt? Der abgeschiedene Ort am See und Jungs Sensitivität für die Umgebung brachten ihm hier manche Erlebnisse, die zeigten, dass seine Trennwände zwischen Innen und Aussen, Ich und Natur, Bewusstsein und Unterbewusstsein dünner und zerbrechlicher waren als beim Normalmenschen. |
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Dann wurde aus dem Psychologen ein "Schamane", der etwas davon erfuhr, dass unser Begriff von "Realität" auch oft nur ein Schutzschild ist, mit dem wir uns gegen unheimliche und irritierende Erfahrungen wappnen. Und aus dem christlich erzogenen Professor sprang ein weiteres Mal der "Heide" hervor, für den Sturm, Wind, Feuer, Wellenrauschen, Stein und Holz mehr waren als nur physikalisch erklärbare Phänomene. In seinem "Turm" versank Jung ganz in archaischen Vorstellungswelten, die vom Christentum weit entfernt waren. Da wurde er zu "Merlin", zum Gott "Pan", zum "Kind", auch zum "Tier", animistisches Erbe gewann Oberhand und der Glaube an Ahnen und Wiedergeburt schien greifbarer als die Erlösungsreligion Christi. Zumindest gewann er auf dieser Insel viel von dem Material, das ihm ermöglichte, derart intensiv über die Mysterien des Unbewussten zu schreiben, dass uns seine Gedanken bis heute nicht loslassen. |
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Sein gegen Lebensende immer mehr anvisiertes Ziel, eine Synthese von "Christlichem" und "Dionysischem" zustandezubringen, hat Jung wohl nicht mehr erreicht. Aber kaum ein anderer Autor hat sich im 20. Jahrhundert so sehr darum bemüht und kaum einer hat soviel Material dafür zusammengetragen. Vielleicht liegt es jetzt an
uns, diese Fäden weiterzuspinnen und mit den spirituellen Aufgaben
einer veränderten Zeit zusammenzubringen. Literaturangaben: 1) Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G.Jung, aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé, Zürich und Düsseldorf 1999, S. 38 2) ebd. 82f 3) ebd. 121 4) ebd. 162ff 5) ebd. 247 6) ebd. 255 7) ebd. 258 8) ebd. 272 9) ebd. 278 10) ebd. 284 f 11) ebd. 286 12) C.G.Jung: Studien über alchemistische Vorstellungen, Ges.Werke, Solothurn und Düsseldorf 1995, Bd.13, 166 13) Jung: Psychologie und Alchemie, Ges. Werke Bd.12, 377, Anm.33 14) Jung: Über das Phänomen des Geistes in Kunst und Wissenschaft, Ges.Werke Bd.15, 24 15) Jung: Studien über alchemistische Vorstellungen, 135 16) Erinnerungen, Träume, Gedanken, 229 17) ebd. 232f 18) ebd. 233f |
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