Alchemie und Gral

Bereits auf seiner Indienreise hatte Jung ein altes Buch über Alchemie dabeigehabt und die Beschäftigung mit dieser mittelalterlichen Disziplin sollte nun zu einem seiner Hauptanliegen werden. Dabei fand er heraus, dass es für viele Alchemisten nicht um die Gewinnung von materiellem, sondern um "philosophisches Gold" ging: um die Meditation mit der als beseelt gedachten Natur, deren geisterfüllte Substanzen man in der Retorte beobachtete und in Prozesse von Verwandlung und Verfeinerung schickte.

 

Ein Grundanliegen dieser Arbeit war - so Jung - die Anknüpfung an eine heidnisch-antike Naturphilosophie, die vom Christentum verdrängt worden war und in der noch eine Einheit von Gegensätzen bestand, die die Kirche in den "sündigen" Zwiespalt von Geist - Natur, Männliches - Weibliches , gut - böse, Licht - Finsternis auseinandergerissen hatte.

In dunklen Bildern - auch um sich vor Verfolgung zu schützen - tasteten sich die Alchemisten zu einer Welt von Kräften und Übergängen in den Elementen heran, die sie als Spiegel für seelische Prozesse ansahen. Das Kochen und "tausendfache Destillieren" galt auch der Reinigung der eigenen Persönlichkeit, in der das Rauhe und Dunkle jedoch nicht einfach eliminiert, sondern schrittweise verwandelt werden sollte.

Asche, Dreck, Rost, Grünspan, Mist und selbst Urin z.B. waren keine verachtungswürdigen Abfälle, sondern bargen in sich die Möglichkeit, zu Gold zu werden bzw. eine "weisseTaube" aufsteigen zu lassen. Das Leben, so lautete ein alchemistischer Wahlspruch, bedürfe zu seiner Vollendung nicht der Vollkommenheit, sondern der Vollständigkeit: "Schätze die Asche nicht gering, denn sie ist das Diadem deines Herzens und die Materie der ewigen Dinge." (12) Ein anderer Leitspruch warnte davor, den Dünger "mit Füssen zu treten". Dies sei so, als versuche man, "ohne Treppe hinaufzusteigen", was einen Sturz zur Folge haben müsse.

In der Alchemie - so Jung - neige sich das "Obere, Geistige, Männliche dem Unteren, Irdischen, Weiblichen zu." Stoff, Weiblichkeit und Materie seien hier - anders als in der christlichen Theologie - keine Gegen- sondern Mitspieler. Die Alchemisten flüchteten nicht zu Jesus Christus als makellosem Schützer vor dunklen Mächten, sondern stiegen in ihren Meditationen selber hinab ins "beunruhigende Unbewusste". In runden Retorten und Öfen, die das Himmelsgewölbe spiegelten, inszenierten sie Begegnungen von Urkräften: ätzende, brennende, verschlingende, beruhigende, verwandelnde und "vermählende" Prozesse, gleichermassen stoffliche wie geistig-seelische Dramen, "heidnische Messen" im Gegensatz zu den von Dogmen und Schuldbekenntnissen bestimmten Wandlungszeremonien der Kirche.


Ein geradezu rührendes Bild dafür, wie auch das Gefallene und "Schmutzige" Platz in solchen Vorgängen fand, bietet die Klage des entseelten "Königssohns", der vom Grunde des Meeres aus den Alchemisten anfleht, ihn zu erlösen:
"Wendet euch zu mir von ganzem Herzen und verwerfet mich nicht, darum weil ich schwarz bin und dunkel, denn die Sonne hat mich so verbrannt; und die Abgründe haben mein Antlitz bedeckt, und die Erde ist verdorben und verunreinigt in meinen Werken, indem Finsternis ward über ihr, da ich versunken bin im Schlamme der Tiefe und meine Substanz nicht erschlossen worden ist." (13)

Ist dieser Schwarzverbrannte ein Sünder, den auch die Kirche über den Umweg der Reue noch gerade akzeptiert oder schon der dem Satan Verfallene, der nicht mehr zu retten ist? Die Alchemisten scheint dies nicht zu kümmern: Dem Luziferisch-Dunklen wird bei ihnen nicht einfach "abgeschworen", sondern man erkennt es als natürlichen und sogar notwendigen Bodensatz jedes Dinges und jeder Seele an.

 


Auch in der Schwärze der festesten und lichtlosesten Erde liegen Goldfäden verborgen, die durch den jahrmillionenlangen Umlauf der Sonne eingesponnen wurden. Der alchemistische Prozess dient dazu, sie wieder sichtbar zu machen und behutsam herauszulösen: Aus einer schwarzen ("nigredo") soll Schritt für Schritt eine weisse ("albedo") und schliesslich eine rotfunkelnde Sonne ("rubedo") werden.

Dies ist möglich, weil alles im Kosmos von einem "lumen naturae" durchstrahlt ist, das manchmal mehr und manchmal weniger sichtbar ist. Paracelsus (1493-1541), selber auch Alchemist, nannte diese Kraft "natürliches liecht" und glaubte im Gegensatz zur Erbsünde daran, dass jeder Mensch von Anfang an einen "ganz und gar unzerbrochenen Himmel" in sich trage. Interessant die Einschätzung des Paracelsus durch einen kritischen Zeitgenossen, der in ihm wegen seiner ketzerischen Ansichten einen "Arianer" sah: "Arianer" waren die meist aus germanischen Stämmen kommenden Anhänger einer speziellen Glaubenslehre, die in Jesus Christus keinen Gottessohn, sondern nur einen Vermittler von Idealen, ein sittliches Vorbild sahen. (14)

Jung führt einige Zeugnisse dafür an, wie auch andere Alchemisten von der Kirche geächtet wurden, was zeigt, dass man instinktiv doch die heidnische Färbung dieser Disziplin wahrnahm.

So schreibt Conrad Gessner über den Paracelsus-Schüler Bodenstein, er sei ein "Nachfahre der Druiden, welche bei den alten Kelten an unterirdischen Orten während einiger Jahre von den Dämonen unterrichtet wurden. Es steht unseres Wissens auch fest, dass solches in Spanien zu Salamanca bis in die Gegenwart geschehen ist. Aus dieser Schule gingen auch die gewöhnlich so genannten Fahrenden Scholaren hervor. Unter diesen ist der noch nicht so lange verstorbene Faust besonders berühmt." (15 )

 

C.G. Jung sah in der Alchemie eine Parallele zur ebenfalls ketzerischen Gralsmythologie, mit der er sich seit seinem 15.Lebensjahr beschäftigte. Auch in mehreren Träumen trat er mit dieser Bilderwelt in Kontakt.

Wie in der Alchemie steht auch z.B. in den keltischen Gralsmythen ein Gefäss im Mittelpunkt, das einem Prozess geistiger Wandlung und Erneuerung dient. Die eher vaterorientierten jüdisch-christlichen Religionen konnten ein solches heidnisches Symbol, das auf die schöpferisch-regenerierenden Kräfte von "Mutter Erde" anspielt, nicht dulden und nahmen es daher nicht in ihren Kanon auf.

Jung lehnte das Christentum nicht pauschal ab, aber gerade dessen jahrhundertelange Ausgrenzung des Weiblichen war ihm ein Dorn im Auge. Zwar erkannte er die späte Anerkennung des Marienkultes durch die katholische Kirche im Jahre 1950 an und sah möglicherweise darin auch ein dem nüchternen Protestantismus überlegenes Weltbild. Man kann aber vermuten, dass eine christliche Lehre nach seiner Vorstellung wohl eher den Gralsmythen bzw. den Lehren der deutschen Mystiker (Jakob Böhme, Meister Eckart) entsprochen hätte.

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