Mythologische Reisen

Von 1920 bis 1938 unternimmt Jung einige Reisen in aussereuropäische Länder, die ihm als Bestätigung dafür dienen, das unsere moderne europäisch-christliche Seele noch archaische Anteile besitzt, die eher gut versteckt als wirklich weiterentwickelt worden sind.

Bereits auf seiner ersten Reise nach Tunesien fällt ihm auf, dass das "emotionale, lebensnähere Wesen dieser aus Affekten lebenden, nicht reflektierenden Menschen ... einen starken, suggestiven Effekt auf jene historischen Schichten in uns (hat), die wir eben überwunden haben, oder wenigstens überwunden zu haben glauben ... Wenn ich nach Afrika reise, um einen psychischen Ort ausserhalb des Europäers zu finden, so will ich unbewussterweise jenen Persönlichkeitsteil in mir auffinden, welcher unter dem Einfluss und dem Druck des Europäerseins unsichtbar geworden ist." (5)

Jung will auf diesen Reisen Urzeit nicht verklären oder naiv wieder durchleben, aber auf sich wirken lassen und in einen Vergleich mit seinen "modernen" Wert- und Weltvorstellungen bringen.

 

In Begegnungen mit einem Häuptling der Pueblo-Indianer in Neu-Mexiko wird ihm die erschreckende Gewalttätigkeit der europäischen "Heidenmission" klar, die jahrhundertelang nichts unterliess, um vorchristliche Traditionen auszulöschen. Als er mit dem Indianer auf einer Hochebene den Sonnenaufgang beobachtet, spürt er die Erhabenheit dieses Naturphänomens und sieht - nicht anders als sein Begleiter - darin eine Offenbarung des Göttlichen. Er ahnt, dass die bewunderungswürdige Gelassenheit dieses Volkes mit ihrer Verbindung zu solchen Naturvorgängen zusammenhängt: "Vergleichen wir damit unsere Selbstbegründung, unseren Lebenssinn, den unsere Vernunft formuliert, so können wir nicht anders, als von seiner Armseligkeit beeindruckt sein." (6)

Ähnliche Erfahrungen macht Jung 1925 in Kenia und Uganda, wo er auf die Kultur der Massai trifft:

"Gerade wandte sich der Zug, in eine rote Staubwolke gehüllt, um einen steilen Abhang aus roten Felsen - da stand auf einer Felszacke über uns regungslos eine braun-schwarze, schlanke Gestalt auf einen langen Speer gestützt und schaute auf den Zug herunter. Neben ihm ragte ein riesiger Kandelaberkaktus. Ich war von diesem Anblick wie verzaubert. Es war ein fremdartiges, nie geschautes Bild und doch zugleich ein intensives 'sentiment du déja vu', ein Gefühl, wie wenn ich diesen Augenblick schon einmal erlebt und schon immer jene Welt, die nur durch Zeitferne von mir getrennt war, gekannt hätte. Es war mir, als kehrte ich eben in das Land meiner Jugend zurück und als kennte ich jenen dunklen Mann, der seit fünftausend Jahren auf mich wartete." (7)

 

Intensive Bilder rühren etwas auf im Unterbewusstsein, das trotz "Zeitferne" noch lebt. Mitten im afrikanischen Urwald erlebt Jung die Macht einer Naturreligion, die noch sinnvolle Zeremonien kennt und - ebenso wie die Indianer Südamerikas - die Sonne verehrt: "Unmittelbar nach Sonnenaufgang pflegte ich mich auf meinen Feldstuhl unter eine Schirmakazie zu setzen ... Allmählich drang das steigende Licht sozusagen in die Körper ein, die wie von innen sich erhellten und schliesslich durchsichtig wie farbige Gläser glänzten. Alles wurde zu flimmerndem Kristall. Der Ruf des Glockenvogels umläutete den Horizont. In diesen Augenblicken befand ich mich wie in einem Tempel. Es war die allerheiligste Stunde des Tages. Ich betrachtete diese Herrlichkeit mit nimmersattem Entzücken oder besser, in zeitloser Verzückung." (8)
 


Auf seiner Indienreise begegnet Jung schliesslich einer Religion, die ein gegenüber dem Christentum völlig verschiedenes Verhältnis zur Sexualität und zum "Bösen" pflegt. Obszöne Darstellungen in nahezu jedem Tempel demonstrieren, dass der Eros zum Leben dazugehört und wesentlicher Teil des "Heiligen" ist. Ein Inder weist ihn auf den logischen Sachverhalt hin, dass die zur Vergeistigung nötige Ruhe kaum möglich sei, wenn sexuelle Wünsche vorher nicht befriedigt würden.

Ähnlich wie Sexualität und Religion gehören auch "Gut" und "Böse" zusammen und werden als graduelle Unterschiede derselben Sache genommen: ein Denken, das Jung zunächst irritiert, weil er umgrenzte Konturen dabei vermisst.

Zur Ehrlichkeit seiner Reiseaufzeichnungen gehören auch die Ängste und Vorbehalte, die Jung angesichts des Einstürmens von fremden Ideen auf seine europäische Seele empfindet. Bewusst meidet er z.B. jeden Kontakt mit Gurus oder Heiligen, weil er ihrem suggestiven Charisma nicht erliegen will: "Ich habe sie umgangen, weil ich mit meiner eigenen Wahrheit vorlieb nehmen musste und nichts anderes annehmen durfte als das, was ich selber erreichen konnte." (9) Hierin unterscheidet er sich auch von modernen Esoterik-Touristen, die ihre leere Seele wahl- und kritiklos mit aller fremden Magie auffüllen. So sehr Jung die Tiefe und den Reichtum der afrikanischen, indianischen und indischen Kultur bewundert und wesentliche Denkanstösse davon empfängt, so sehr sehnt er sich auf diesen Reisen auch danach, mehr über das spirituelle Erbe Europas zu erfahren.

Ein faszinierender Traum in Indien gibt ihm darüber Aufschluss und deutet neue Wege an:

Darin befindet sich Jung mit Freunden auf einem mittellalterlichen Schloss an der Küste Südenglands: "Es hiess, dies sei die Gralsburg, und heute abend werde hier 'der Gral gefeiert'". (10) Ein deutscher Professor, der davon nichts weiss, doziert gelehrt über die "tote Vergangenheit", während für Jung die ganze Burg lebt und er deren Geschichte als unmittelbare Gegenwart empfindet. Um das Fest am Abend feiern zu können, muss irgendjemand den Gral holen und Jung erklärt sich mit fünf anderen bereit, ihn herbeizuschaffen.

 

Als sie an einem öden und kalten Landstrich ankommen, in dem ein breiter Wasserstrom das Weitergehen unmöglich macht, wagt es Jung als einziger, seine Kleider abzulegen und hindurchzuschwimmen, um das geheimnisvolle Gefäss doch noch zu holen.

"Der Traum wischte mit starker Hand alle noch so intensiven indischen Tageseindrücke weg und versetzte mich in das allzulange vernachlässigte Anliegen des Abendlandes, das sich einstmals in der Quest des Heiligen Gral, wie auch in der Suche nach dem 'Stein der Philosophen' ausgedrückt hatte. Ich wurde aus der Welt Indiens herausgenommen und daran erinnert, dass Indien nicht meine Aufgabe war, sondern nur ein Stück des Weges - wenn auch ein bedeutendes - der mich meinem Ziel annähern sollte. Es war, als ob der Traum mich fragte: 'Was tust du in Indien? Suche lieber für deinesgleichen das heilende Gefäss, den salvator mundi, dessen ihr dringend bedürft. Ihr seid ja im Begriff, alles zu ruinieren, was Jahrhunderte aufgebaut haben.'" (11)

 


Der Abstieg   Alchemie und Gral