Der Abstieg

Nach dem Studium der Medizin tritt Jung mit 25 Jahren in die psychiatrische Klinik Burghölzli bei Zürich ein und beginnt seine Arbeit als Nervenarzt: "Im Vordergrund meines Interesses und Forschens stand die brennende Frage: Was geht in einem Geisteskranken vor? Das verstand ich damals noch nicht, und unter meinen Kollegen befand sich niemand, der sich um dieses Problem gekümmert hätte." (3)

Nach anfänglichen Experimenten mit Hypnose gibt er diese wieder auf, weil man damit im Dunkeln tappte und der freie Wille des Patienten beeinträchtigt war. Jung entdeckt jedoch Geschichten hinter der oft unverständlichen Bildersprache seiner Patienten, die ihn an alte Mythen und Symbole erinnern. Um die Phantasien z.B. von Schizophrenen besser zu verstehen, beginnt er Mythologie zu studieren und stösst auf rätselhafte Phänomene. So tauchen in den Imaginationen der Kranken oft Urbilder auf, die sie - z.B. mangels Bildung - nicht gelernt haben können, die aber ihr Unterbewusstsein auf einer tiefen Schicht gespeichert hat. Jung nennt diese Phänomene Archetypen und macht sie von nun an zum Hauptthema seiner Forschung.

  Ein christlich erzogener Psychiater steigt - nach seinen eigenen Worten - nun selbst ins dunkle Reich der Unterwelt hinab und konfrontiert sich mit den uralten und oft irritierenden Bildern, die er dort vorfindet. Auf einer Schiffsreise hat Jung 1909 einen merkwürdigen Traum, der dies thematisiert: Er betritt ein altes Haus, dessen Zimmer im Rokokostil eingerichtet sind, findet aber Treppen, die ihn auch in mittelalterliche Räume geleiten. Im Keller entdeckt er Gewölbe aus römischer Zeit und schmale Steinstufen, die noch tiefer hinabführen. "Ich stieg hinunter und kam in eine niedrige Felshöhle. Dicker Staub lag am Boden, und darin lagen Knochen und zerbrochene Gefässe wie Überreste einer primitiven Kultur. Ich entdeckte zwei offenbar sehr alte und halb zerfallene Menschenschädel. - Dann erwachte ich." (4)

Während sein Lehrer Sigmund Freud über den Traum erschrickt und ihn als geheimen Todeswunsch deutet, sieht Jung in ihm ein Bild der Psyche: so wie in dem Haus, verbergen sich auch in der menschliche Seele Räume und Schichten aus alter Zeit, die dem Bewusstsein oft nicht zugänglich sind und sich ab und zu als Bilder und Träume melden.


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