"Der liebe Herr Jesus"

Der Schweizer Tiefenpsychologe C.G.Jung (1875-1961) kämpfte zeitlebens um eine gelungene Synthese zwischen "heidnischen" und "christlichen" Wertvorstellungen. Aufgewachsen in einem Pfarrhaushalt, waren ihm die entleerten Rituale des Gottesdienstes schon in Jugendjahren fremd und er bemitleidete seinen Vater, der in seinen Augen nie eine wirklich lebendige Gottesbeziehung gehabt hatte.

In seinen Memoiren erinnert Jung die Kirche als einen "Todesort", an dem zuwenig Extremerfahrungen zugelassen wurden, zuviel "Güte" und Schönfärberei herrschte und die Abgründe des Menschlichen in einem dünnen Singsang von Barmherzigkeit und dogmatischen Glaubenslehren verschwanden.


Träume von phallisch-dämonischen Unterweltsgöttern, Kinderbücher mit indischen Mythen sowie die Erfahrung der Natur setzten Phantasien über andere Religionsvorstellungen in Gang. Jung streunte über Wiesen und Felder, die er mit eigenen Vorstellungen beseelte: "Die Natur schien mir voll von Wundern, in die ich mich vertiefen wollte. Jeder Stein, jede Pflanze, alles schien belebt und unbeschreiblich. Damals bin ich in die Natur versunken, bin ich sozusagen in das Wesen der Natur hineingekrochen, fern aller Menschenwelt." (1)

Der Knabe entzündet "heilige Feuer" zwischen verfallenen Steinmauern und schnitzt sich aus Holz ein kleines Männchen, das er schwarz einfärbt und - gemeinsam mit einem bemalten Rheinkiesel - in einer Schachtel hütet. Ihm vertraut er Geheimnisse und Probleme an, wie den Kabiren, den kleinen missgestalteten Erdgöttern der Antike, die gegenüber dem Heilig-Erhabenen auch die "niederen" Lebenskräfte vertraten.

Eine Wanderung mit dem Vater auf den majestätischen Rigi-Berg offenbart dem jungen Suchenden eine neues Reich von Wundern und Offenbarungen: "Ja, dachte ich, das ist sie, die Welt, meine Welt, die eigentliche Welt, das Geheimnis, wo es keine Lehrer, keine Schule, keine unbeantwortbaren Fragen gab, wo man ist, ohne zu fragen. - Ich hielt mich sorgsam an die Wege, denn es gab ungeheure Abstürze. Es war feierlich, man musste höflich und still sein, denn man war in der Gotteswelt. Hier war sie leibhaftig. Das war ein Geschenk, das kostbarste und beste, das mein Vater mir je gegeben hat." (2)


Der Schamane von Bollingen   Odyssee