Eine vergleichbare Stimmung verbreitet das Bild "Der Heilige Hain", das ähnlich populär wie die "Toteninsel" wurde: der Versuch, mit der Darstellung eines Baumheiligtumes ein möglichst glaubwürdiges Bild heidnisch-sakraler Naturverehrung zu geben.
   


Wieder ist der Ort kaum lokalisierbar. Obwohl der erste Titel des Gemäldes "Landschaft mit Germanenopfer" lautete, ist es nicht klar, ob wir uns im alten Griechenland, bei den Kelten oder Germanen befinden. Die Vegetation deutet auf einen eher nordeuropäischen Bereich hin, aber hinter den Bäumen der rechten Bildhälfte schimmert eine dorische Säule durch. Zwar ergeben sich Assoziationen zu weiblichen Druiden oder germanischen Priesterinnen, aber man könnte auch an Verehrerinnen von Artemis oder Diana denken.

Das Bild strahlt eine ähnlich vibrierende Stille aus wie die "Toteninsel": Auch hier könnte sich das "Rauschen der Haine" ereignen, die Erscheinung einer göttlichen Macht im Rascheln der Blätter oder im leisen, aber unaufhörlichen Sprudeln einer Quelle.

Thomas Mann, der zu den grossen Verehrern dieses Bildes gehörte, schrieb 1918 in den "Betrachtungen eines Unpolitischen":

 
"Ich brauche nur aufzublicken von meinem Tisch, um mein Auge an der Vision eines feuchten Haines zu laben, durch dessen Halbdunkel die lichte Architektur eines Tempels schimmert. Vom Opferstein lodert die Flamme, deren Rauch sich in den Zweigen verliert. Steinplatten, in den sumpfig-geblümten Grund gebettet, führen zu seinen flachen Stufen, und dort knieen, ihr Menschtum feierlich vor dem Heiligen erniedernd, priesterlich verhüllte Gestalten, während andere, aufrecht, in zeremonialer Haltung aus der Richtung des Tempels zum Dienste heranschreiten.
Wer in diesem Bilde des Schweizers, das ich von jeher wert und mir nahe halte, eine Beleidigung der Menschenwürde erblickte, den dürfte man einen Banausen nennen. Trotzdem ist der politische Philantrop ohne Zweifel verpflichtet, dergleichen darin zu erblicken, - und soviel sei eingeräumt, dass es ein nur zu schlagendes Beispiel für die Unzuverlässigkeit der Kunst als Mittel des Fortschritts bietet, für ihren verräterischen Hang zur Schönheit schaffenden Widervernunft.
Offenbar aber ist die Humanität des emanzipatorischen Fortschrittes entweder nicht die wahre oder nicht die ganze Humanität; denn wie sollte ein Werk inhuman genannt werden dürfen, das dem von Frechheit, Schlechtigkeit und Pöbel-Gier gehetzten Blick eine Vision und Traumzuflucht würdevoll-demütigen Menschenanstandes bietet?"
 




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Atalante 3