| Die heidnisch-vorchristlichen Kulturen hatten auch ein anderes Verhältnis zum Tod, das Böcklin in seinem Bild "Die Toteninsel" thematisierte. Seiner Auftraggeberin, der Gräfin Oriola, schrieb er während der Arbeit daran, es müsse "so still wirken, dass man erschrickt, wenn angeklopft wird." |
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Das Gemälde berührt Urbilder, die wir aus Traum und Ahnung kennen und verbindet uns so mit mythischen Vorlagen, selbst wenn sie Jahrtausende alt sind: Ein Eiland im Wasser, ein stilles Refugium, wie ein Mutterschoß gewölbt und von dunklen Baumsilhouetten geschmückt. Als ich mit einem Freund das Original in der Berliner Nationalgalerie betrachtete, sagte er unvermutet: "Das Dunkel hinter dem Landungssteg ist mir vertraut. Dort duftet es nach Zitronen und es gibt keinen Grund, sich davor zu fürchten." Dunkel und Schwärze malen zu können ist eines der Geheimnisse grosser Maler. Beim Betrachten des Originals sieht man, dass es kein monolithisches Schwarz ist, sondern "duftet", "schwingt", durchlässig ist. Wo geht es dorthin? Riecht es wirklich nach Zitronen oder nach salziger See, Bäumen, angenehmem Moder wie im Keller meiner Großmutter, wo sich Staub, Holz und Birnen zu einem süchtigmachenden Duft verbanden? Vermutlich entscheiden wir diese Frage in Bezug auf unser Verhältnis zu Tod und Jenseits. Wer Angst davor hat, diese Insel zu betreten, wird die Zitronen oder den "guten" Duft aus Kindheitskellern nicht riechen. |
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Eine weissgekleidete Gestalt, von der Figur her eine Frau, steht vor einem mit Blumengirlanden geschmückten Sarg, hinter ihr ein Jüngling oder eine Begleiterin. Man denkt eher an keltische als an griechische Sagen: etwa an Avalon, die "Apfelinsel", wo die Verstorbenen von den Früchten der Unsterblichkeit essen. Diese Insel ist kein Schreckensort wie die christliche Hölle, die von mittelalterlichen Theologen erfunden wurde, um das Reich der germanischen Todesgöttin Hel zu dämonisieren. Und auch keine blosse Endstation wie ein moderner Friedhof. Böcklins Intuition macht eher eine Hommage an die "Grosse Göttin" daraus, an die Rückkehr des Toten in den Schoss der Erde, der das Leben hervorbringt und wieder in sich aufnimmt.
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