Beuys' besondere Vorliebe galt den keltischen Ländern Irland und Schottland, in deren geistigen Traditionen er wichtige Grundlagen für ein erweitertes Christentum sah. Im Gegensatz zu den fanatischen Glaubenskämpfen des modernen Nordirland, die in seinen Augen Folgen jahrhundertelanger Machtkämpfe und dogmatischer Verhärtungen waren, versuchte er am Erbe des früheren keltischen Christentums anzuknüpfen, dessen Symbolformen wichtig für seine Kunst wurden. Er glaubte auch, dass sein Heimatort Kleve einst eine ursprünglich keltische Enklave inmitten von Deutschland darstellte.

Das "Sonnenkreuz" von 1947/48 (links) changiert zwischen der Ekstase eines schamanistischen Sonnentanzes und der gekrümmten Leidensgeste des Gekreuzigten.

Das "Wurfkreuz" rechts verwendet die keltische Wirbelform, die in Irland von den steinzeitlichen Megalithgräbern bis zum frühchristlichen "Book of Kells" reicht. Die keltischen Spiralen und Wirbel waren für Beuys dynamische Bewegungsmuster, die gleichermassen zyklische Naturabläufe wie zukunftsgerichtete Evolutionsprozesse spiegeln.

Neben dem dynamischen Aspekt des keltischen Christentums bewunderte Beuys auch dessen Naturverbundenheit, die stärker ausgeprägt blieb als in der römisch dominierten Welt. Vielleicht haben deshalb seine Kreuzformen immer auch etwas Pflanzenhaft-Organisches, als wollten sie das Rigide der rechten Winkel ins Biegsam-Versöhnliche auflösen.
Am deutlichsten wird die anvisierte Synthese zwischen heidnischen und christlichen Elementen im "Kreuz mit Kniescheibe und Hasenschädel" zur Erscheinung gebracht. Hier scheint sich die biblische "Nächstenliebe" nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf die Natur zu erstrecken. Wie eine kleine schamanistische Totemskulptur hängt - statt Jesus Christus - ein Hasenschädel am Kreuz, daneben eine Kniescheibe, die - wie herausoperiert - Empfindungen von Ungeschütztheit und Verletzbarkeit heraufruft.

Man denkt ein anderes Beuyssches Objekt mit dem Titel "Zeige deine Wunde". Beide umschreiben ein wichtiges Element seiner Kunst: durch Provokation und Verfremdung Verdrängtes heraufholen, die (beschädigten) Stimmen von Natur und Spiritualität jenseits herrschaftlicher Diskurse von Rationalismus, Materialismus und dogmatischer Glaubenslehren wieder zum Klingen bringen.

Literatur:

Friedhelm Mennekes: Beuys zu Christus. Eine Position im Gespräch, Stuttgart 1989
Kreuzzeichen. Religiöse Grundlagen im Werk von Joseph Beuys, Suermondt-Ludwig Museum Aachen 1985
Reinhard Zimmermann: Kunst und Ökologie im Christentum. Die "7000 Eichen" von Joseph Beuys, Wiesbaden 1994
Hans Markus Horst: Kreuz und Christus. Die religiöse Botschaft im Werk von Joseph Beuys, Stuttgart 1998
Joseph Beuys/ Bernhard Blume/ Rainer Rappmann: Gespräche über Bäume, FIU-Verlag,Wangen/ Allgäu 1994
Heiner Stachelhaus: Joseph Beuys, Düsseldorf 1987

 

Aktion im Moor Textfassung Atalante 5