In seiner gesamten Kunst zeigte Beuys grosse Feinfühligkeit gegenüber der Natur als belebtem und geisterfülltem Organismus. Der heidnische Polytheismus - so betonte er öfter - habe dies auch so gesehen, aber nach seinem - durchaus berechtigten - Niedergang sei die Natur durch Christentum und Materialismus "entrechtet" worden. Beuys glaubte daran, dass man durch Beschäftigung mit Mythologie und Schamanismus einiges davon wieder gutmachen könne. Das Studium der archaischen Kulturen war für ihn keine regressive Angelegenheit, sondern Erinnerungsarbeit für ein erweitertes zukünftiges Menschenbild, die vor allem im Experimentierraum der Kunst stattfinden müsse.

So finden sich etwa in seinen Zeichnungen viele Annäherungen an Tier und Pflanze, die nicht deren realistische Aussenseite, sondern ihr Seelenhaftes, ihren "Ätherleib" aufspüren wollen, etwa in "Horse", "Bienenkönigin" oder "Hirsch".


Die Goldbronze, mit der die "Bienenkönigin" gemalt wurde, verleiht dieser fast den Status einer kleinen Gottheit und
macht auf ihre subtile Organisation und wertvolle Mitwirkung am ökologischen Gesamthaushalt aufmerksam. Der beinahe tanzende "Hirsch" wirkt zart und behende: Wir schauen durch seine Haut hindurch auf ein sensibles Tier, das in Märchen oft mit Zauberkraft begabt ist und als Seelen- bzw. Unterweltsführer auftaucht.

In zwei berühmten Aktionen verwandelte sich Beuys selbst in einen Schamanen und versuchte, mit dem Geist von Tieren in Berührung zu treten:

Am 26. November 1965 schloss er sich im Raum der Düsseldorfer Galerie Schmela ein und ging mit einem toten Hasen von Gemälde zu Gemälde, um ihm diese zu erläutern: "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt". Beuys' Kopf war dabei mit Honig und Blattgold eingeschmiert: eine Art Kultmaske, die von der Aussenwelt abschirmen und zur Verinnerlichung bzw. Erhöhung des Geschehens beitragen sollte. Die Farbe Gold stand in den alten Kulturen für Reinheit, Weisheit und Sonnenkraft, im Honig sahen etwa Germanen und Inder ein Mittel für Regeneration und Wiederbelebung.

Die Zuschauer konnten die ganze Aktion mitverfolgen, währenddessen kommen, gehen, reden, schweigen, staunen, sich entrüsten etc. Beuys liebte es, durch ungewöhnliche und scheinbar absurde Auftritte Diskussionsprozesse auszulösen.


Einige Jahre später verbrachte er zwei Tage mit einem (diesmal lebenden) Coyoten in der Galerie René Block in New York. Die Aktion "I like America and America likes me" begann damit, dass Beuys von einem Krankenwagen am Flughafen abgeholt und - in Filz verhüllt - auf einer Bahre zum Ort der Performance gefahren wurde. Er wollte amerikanischen Boden nicht betreten, sondern erst den zur quasi heiligen Begegnungsstätte umgerüsteten Galerieraum, in dem er auf ein Totemtier des alten Amerika treffen wollte.

Mit Hirtenstab, Triangel, Lederhandschuhen, Taschenlampe und Filz ausgerüstet, versuchte Beuys sich mit grosser Geduld dem Tier zu nähern bzw. wartete ab, bis es ihn selbst zu beschnüffeln begann. Schliesslich fing der Coyote mit seiner "Markierungsarbeit" an und versah alle herumliegenden Gegenstände mit seinem Urin, auch die auf dem Boden verstreuten Blätter des Wall-Street-Journals. Während draussen Wolkenkratzer, Polizeisirenen und kapitalistisches Getriebe herrschten, fand in den Innenräumen eine Begegnung mit den archaischen Schichten des Landes statt.

Für die Navajo-Indianer etwa war der Coyote nicht der Inbegriff des Verschlagenen, wie später für die christlichen Einwanderer, sondern eine Gottheit, die sowohl das Gute wie das Böse verkörperte. Man verehrte sein trickreiches Verhalten und setzte sich Coyoten-Masken bei Heilungszeremonien auf. Im Nachlass von Beuys fand sich das Buch "The voice of the Coyote" von J. Frank Doble, das von den zahlreichen Mythen über dieses Tier handelt. Beuys hatte es richtig durchgearbeitet, bereits Ideen für die New Yorker Aktion skizziert und wichtige Sätze unterstrichen, wie z.B. "Schulbiologen lassen die wahrste aller Realitäten aus - die Imagination."

Dieser Satz trifft ins Herz der Beuysschen Anstrengungen und rief Erinnerungen an den meist langweiligen Biologie-Unterricht meiner Schulzeit herauf: Wieviel mehr hätten wir uns für Tiere interessiert, wenn uns nicht nur deren gattungsspezifische Merkmale beigebracht worden wären, sondern etwa auch ihre Bedeutung in der Bilderwelt älterer Kulturen.

 

"Nordischer Frühling"   Die Seele der Pflanzen