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"KREUZ
MIT KNIESCHEIBE UND HASENSCHÄDEL"
Joseph Beuys als Mittler zwischen Heidentum und Christentum
(R.Sünner)
Im Werk des Künstlers Joseph Beuys (1921-1986) finden sich neben
Kreuzdarstellungen auch immer wieder heidnische Motive. Beuys hatte
bei seinem Russlandaufenthalt im Krieg den Schamanismus der Tartaren
kennengelernt und interessierte sich auch für die Mythenwelt der
Indianer, Kelten und Germanen. Darauf verweisen etwa Bildtitel wie "Verlassener
Druidentempel", "Die Nornen", "Hirsch-Mann im Gebirge",
"Naturaltar", "Im Haus des Schamanen", "Hexen
Feuer speiend", "Meerfrau mit Fisch" etc.
Beuys, der von der Anthroposophie Rudolf Steiners beeinflusst war, hielt
das Christentum zwar für den "vordersten Entwicklungspunkt
der Spiritualität", aber er forderte, dass es neu durchdacht
werden müsse: Die Kirche habe eine christliche Gesellschaftsordnung
bisher eher verhindert. Bei einer seiner spektakulären Aktionen
hielt er am 31. März 1972 vor dem Mönchengladbacher Münster
eine Lesung mit Hölderlin- und Bibeltexten, drückte dann einen
Essigschwamm an der Kirchentür aus und schrieb das Wort "EXIT"
darauf.
Grundlage des Christentums war für Beuys die Bergpredigt, in der
er einen radikalen Begriff von Selbstbestimmung ausgedrückt sah:
Jesus Christus zeige dort, dass der Mensch sich aus den bisherigen Zwängen
von Bluts- und Sippenbanden sowie vom Denken in Vergeltungskategorien
lösen könne ("Liebet Eure Feinde"). Die Entwicklung
von den "vielen Vitalgöttern" des Heidentums zum jüdisch-christlichen
Monotheismus sei nötig gewesen, um abstraktes Denken und damit
Freiheit von mythischen Zwängen zu erreichen. Bei diesem Prozess
seien aber auch entscheidende Dinge auf der Strecke geblieben: z.B.
das Gefühl für die beseelte Natur, was zu ihrer immer stärker
werdenden Ausplünderung und Zerstörung geführt habe.
Eine starke Sensibilität für Tiere, Pflanzen und Mineralien
zeichnete Beuys schon in ganz jungen Jahren aus. Bereits als 12jähriger
pflanzte er vor dem Elternhaus eine Trauerweide, arbeitete als Tierpfleger
in einem kleinen Wanderzirkus und legte Sammlungen von Fundstücken
seiner ausgedehnten Naturexkursionen an. Darüberhinaus las er bevorzugt
die romantischen Dichter, etwa Hölderlin, Goethe oder Novalis,
deren Weltbild pantheistisch geprägt war. Mit 20 Jahren (1941)
verfasste er das Gedicht "Nordischer Frühling", welches
zeigt, dass in dieser Zeit auch bereits heidnische Mythen sein
emphatisches Naturverständnis mitbeeinflussten:
O Frühling
deine tausend Kräfte strömen in mich hinein
wenn ich durch den Wald gehe
wie Baum an Baum hier das frühe Licht empfangen
durch das Filigran der Kronen fällt der rote
Schimmer auf die grünen Blätter.
Drüben fliesst der Bach.
Silberhell klingt es
wenn die kleinen Wellen lieblich über die bunten
Kiesel plätschern. Schon über die hochheraus-
ragenden Steine zieht sich neunjähriges Moos.
Und gleich neben dem Rinnsal das kräftige
Drängen und Streben der Pflanzen. Alles
strebt gegen die herrlichen frühen Sonnenfenster
über mir. Dort kommt es rot und drüben
opalenes Blau. Und jetzt zittert es schimmernd
im Gras zwischen den Steinen.
Ostara wandelt über allen Schatten. Eine
ungeheuere Spannung wird wachgerufen zwischen
Fauna und Flora. Der Mensch fühlt, dass
die Pflanzen und Tiere seine Verwandten sind.
Diese unendliche Kraft, dies dionysische Erbe
und Überquellen schafft der Mensch durch seine
geistige Schau der Realitäten in der Natur zum
Idealbild und zum also geläuterten Kunstwerk (...)
In seiner gesamten Kunst zeigte Beuys grosse Feinfühligkeit gegenüber
der Natur als belebtem und geisterfülltem Organismus. Der heidnische
Polytheismus - so betonte er öfter - habe dies auch so gesehen,
aber nach seinem - durchaus berechtigten - Niedergang sei die Natur
durch Christentum und Materialismus "entrechtet" worden. Beuys
glaubte daran, dass man durch Beschäftigung mit Mythologie und
Schamanismus einiges davon wieder gutmachen könne. Das Studium
der archaischen Kulturen war für ihn keine regressive Angelegenheit,
sondern Erinnerungsarbeit für ein erweitertes zukünftiges
Menschenbild, die vor allem im Experimentierraum der Kunst stattfinden
müsse.
So finden sich etwa in seinen Zeichnungen viele Annäherungen an
Tier und Pflanze, die nicht deren realistische Aussenseite, sondern
ihr Seelenhaftes, ihren "Ätherleib" aufspüren wollen,
etwa in "Horse", "Bienenkönigin" oder "Hirsch".
Die Goldbronze, mit der die "Bienenkönigin" gemalt wurde,
verleiht dieser fast den Status einer kleinen Gottheit und macht auf
ihre subtile Organisation und wertvolle Mitwirkung am ökologischen
Gesamthaushalt aufmerksam. Der beinahe tanzende "Hirsch" wirkt
zart und behende: Wir schauen durch seine Haut hindurch auf ein sensibles
Tier, das in Märchen oft mit Zauberkraft begabt ist und als Seelen-
bzw. Unterweltsführer auftaucht.
In zwei berühmten Aktionen verwandelte sich Beuys selbst in einen
Schamanen und versuchte, mit dem Geist von Tieren in Berührung
zu treten:
Am 26. November 1965 schloss er sich im Raum der Düsseldorfer Galerie
Schmela ein und ging mit einem toten Hasen von Gemälde zu Gemälde,
um ihm diese zu erläutern: "Wie man dem toten Hasen die Bilder
erklärt". Beuys' Kopf war dabei mit Honig und Blattgold eingeschmiert:
eine Art Kultmaske, die von der Aussenwelt abschirmen und zur Verinnerlichung
bzw. Erhöhung des Geschehens beitragen sollte. Die Farbe Gold stand
in den alten Kulturen für Reinheit, Weisheit und Sonnenkraft, im
Honig sahen etwa Germanen und Inder ein Mittel für Regeneration
und Wiederbelebung. Die Zuschauer konnten die ganze Aktion mitverfolgen,
währenddessen kommen, gehen, reden, schweigen, staunen, sich entrüsten
etc. Beuys liebte es, durch ungewöhnliche und scheinbar absurde
Auftritte Diskussionsprozesse auszulösen. Einige Jahre später
verbrachte er zwei Tage mit einem (diesmal lebenden) Coyoten in der
Galerie René Block in New York. Die Aktion "I like America
and America likes me" begann damit, dass Beuys von einem Krankenwagen
am Flughafen abgeholt und - in Filz verhüllt - auf einer Bahre
zum Ort der Performance gefahren wurde. Er wollte amerikanischen Boden
nicht betreten, sondern erst den zur quasi heiligen Begegnungsstätte
umgerüsteten Galerieraum, in dem er auf ein Totemtier des alten
Amerika treffen wollte. Mit Hirtenstab, Triangel, Lederhandschuhen,
Taschenlampe und Filz ausgerüstet, versuchte Beuys sich mit grosser
Geduld dem Tier zu nähern bzw. wartete ab, bis es ihn selbst zu
beschnüffeln begann. Schliesslich fing der Coyote mit seiner "Markierungsarbeit"
an und versah alle herumliegenden Gegenstände mit seinem Urin,
auch die auf dem Boden verstreuten Blätter des Wall-Street-Journals.
Während draussen Wolkenkratzer, Polizeisirenen und kapitalistisches
Getriebe herrschten, fand in den Innenräumen eine Begegnung mit
den archaischen Schichten des Landes statt.
Für die Navajo-Indianer etwa war der Coyote nicht der Inbegriff
des Verschlagenen, wie später für die christlichen Einwanderer,
sondern eine Gottheit, die sowohl das Gute wie das Böse verkörperte.
Man verehrte sein trickreiches Verhalten und setzte sich Coyoten-Masken
bei Heilungszeremonien auf. Im Nachlass von Beuys fand sich das Buch
"The voice of the Coyote" von J. Frank Doble, das von den
zahlreichen Mythen über dieses Tier handelt. Beuys hatte es richtig
durchgearbeitet, bereits Ideen für die New Yorker Aktion skizziert
und wichtige Sätze unterstrichen, wie z.B. "Schulbiologen
lassen die wahrste aller Realitäten aus - die Imagination." Dieser
Satz trifft ins Herz der Beuysschen Anstrengungen und rief Erinnerungen
an den meist langweiligen Biologie-Unterricht meiner Schulzeit herauf:
Wieviel mehr hätten wir uns für Tiere interessiert, wenn uns
nicht nur deren gattungsspezifische Merkmale beigebracht worden wären,
sondern etwa auch ihre Bedeutung in der Bilderwelt älterer Kulturen.
Auch
die Beschäftigung mit der Pflanzenwelt zeigt, dass Beuys ihnen
ein Innenleben zuschreibt: "Über die Sensibilität der
Pflanzen", so sagt er in dem "Gespräch über Bäume",
"gibt es inzwischen eine sehr interessante Literatur: Dass sie
z.B. besser gedeihen, wenn ihnen die Menschen liebevoll begegnen, das
ist ja eine Tatsache. Dass also der 'Ätherleib', den eine Pflanze
ja hat, der den Menschen sozusagen in seinen Umkreis mit aufnimmt, ungeheuer
anfällig ist gegen - sagen wir einmal - bösartige Handlungen
des Menschen schlechthin, das ist eine ausgemachte Tatsache inzwischen." Gute
Beispiele dafür sind die Zeichnung "Mondän frisierter
und mit Silbernadeln durchstochener Baum" und zwei Darstellungen
von Pflanzen, die diese als zarte Lebewesen zeigen.
Die spektakulärste Verbreitung seiner Naturphilosophie erreichte
Beuys jedoch 1982 mit der Aktion "7000 Eichen" auf
der documenta 7 in Kassel. Vor dem Fridericianum liess er 7000 Basaltstelen
aufschütten, für deren Kauf jeweils eine neue Eiche in der
Stadt gepflanzt werden sollte.
Neben den "Hirten" trat jetzt noch der "Gärtner",
der mit den vielen Bäumen nicht nur neue Schatten- und Sauerstoffspender
schaffen wollte, sondern bewusst auch das provozierend-symbolische Element
der Eiche ins Spiel brachte. In Diskussionen wurde Beuys gefragt, ob
es denn unbedingt dieses von den Nazis belastete teutonische Leitsymbol
sein musste. Darauf antwortete er, der sich übrigens auch künstlerisch
mit Auschwitz beschäftigt hatte, dass man gerade diesem Problem
nicht ausweichen sollte. Schliesslich könnten die alten Germanen
und Kelten, die in der Eiche ihr Hauptheiligtum sahen, nichts dafür,
dass diese Jahrhunderte später von Ideologen missbraucht wurde.
Man müsse die unter dem Baum liegenden symbolischen und spirituellen
Konnotationen Hitler wegnehmen und ins Positiv-Zukunftsweisende wenden.
Durch das Engagement von Beuys wurden zwischen 1982-87 tatsächlich
alle Basaltstelen - für einen jeweiligen Kaufpreis von 500 DM -
in Eichen umgewandelt und Kassel zählt heute zu den Städten,
in denen dieser Baum am häufigsten vorkommt.
Interessant bezüglich Beuys' "heidnischem Erbe" sind
auch verschiedene Mooraktionen, die er in Schottland oder den
Niederlanden durchführte. Das Moor galt ihm als organische Ursubstanz,
als vielgestaltiger Speicher von Leben und Vergangenheit. Im August
1971 führte er in einem Sumpf bei Eindhoven eine Performance durch,
die in der Photoserie "Aktion im Moor" festgehalten wurde.
Beuys hüpfte und sprang in dem feuchten Biotop herum, stellte sich
in Kreuzigungshaltung vor einen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg und
versank schliesslich mit derselben Geste im schwarzen Morast: Wiedergutmachung
gegenüber Verbrechen, die an Natur und Mensch begangen wurden?
Versuch der Einswerdung mit den Elementen, aus denen einst alles Leben
hervorging? Zum einen verfolgte Beuys mit der Aktion einen sozialkritischen
Aspekt: Protest gegen die geplante Trockenlegung dieses Sumpfgebietes,
das er als wichtig für die Gesamtökologie der Landschaft ansah.
Daneben spielten aber auch mythologische Elemente mit hinein. 1969 hatte
Beuys einer Skulptur den Namen "Grauballemann" gegeben, mit
dem einige Jahre vorher ein 2000 Jahre alter Moorleichenfund aus dem
dänischen Ort "Grauballe" bezeichnet worden war. Beuys
muss sich mit dieser archäologischen Sensation beschäftigt
haben: Er studierte später sogar noch intensiv das Buch "The
Bog People" von P.V. Glob, das ausführlich davon handelte. Darin
wurde die These aufgestellt, dass der "Grauballemann" um ca.
100-300 n.Chr. aus kultischen Gründen im Moor versenkt worden war.
Die damalige Bevölkerung dieser Region habe das Moor als Eingang
in die Welt von Todes- und Fruchtbarkeitsgöttern gesehen, denen
man mit menschlichen Opfern Dankesgaben überbringen wollte. Bei
seiner "Aktion im Moor" 1971 kannte Beuys diese Deutung wahrscheinlich
schon und es ist anzunehmen, dass sie als Assoziationshintergrund mitschwang.
Ein Foto zeigt ja z.B. den Aktionisten, wie er im Moor versinkt (Foto
oben links). Dabei hat Beuys jedoch die Arme zu einer Kreuzigungshaltung
ausgebreitet: Ergänzung des archaischen Verständnisses von
Demut gegenüber der Natur durch das "fortgeschrittenere"
christliche?
Beuys' Interesse an den Moorleichen war sicherlich kein Plädoyer
für die Wiedereinführung des Menschenopfers, wohl aber für
eine Sensibilisierung gegenüber den Kräften der Erde, die
im Namen des Kreuzes in Vergessenheit bzw. sogar dämonisiert worden
waren. Beuys' besondere Vorliebe galt den keltischen Ländern
Irland und Schottland, in deren geistigen Traditionen er wichtige Grundlagen
für ein erweitertes Christentum sah. Im Gegensatz zu den fanatischen
Glaubenskämpfen des modernen Nordirland, die in seinen Augen Folgen
jahrhundertelanger Machtkämpfe und dogmatischer Verhärtungen
waren, versuchte er am Erbe des früheren keltischen Christentums
anzuknüpfen, dessen Symbolformen wichtig für seine Kunst wurden.
Er glaubte auch, dass sein Heimatort Kleve einst eine ursprünglich
keltische Enklave inmitten von Deutschland darstellte. Das "Sonnenkreuz"
von 1947/48 (links) changiert zwischen der Ekstase eines schamanistischen
Sonnentanzes und der gekrümmten Leidensgeste des Gekreuzigten. Das
"Wurfkreuz" rechts verwendet die keltische Wirbelform, die
in Irland von den steinzeitlichen Megalithgräbern bis zum frühchristlichen
"Book of Kells" reicht. Die keltischen Spiralen und Wirbel
waren für Beuys dynamische Bewegungsmuster, die gleichermassen
zyklische Naturabläufe wie zukunftsgerichtete Evolutionsprozesse
spiegeln. Neben dem dynamischen Aspekt des keltischen Christentums
bewunderte Beuys auch dessen Naturverbundenheit, die stärker ausgeprägt
blieb als in der römisch dominierten Welt. Vielleicht haben deshalb
seine Kreuzformen immer auch etwas Pflanzenhaft-Organisches, als wollten
sie das Rigide der rechten Winkel ins Biegsam-Versöhnliche auflösen.
Am deutlichsten wird die anvisierte Synthese zwischen heidnischen
und christlichen Elementen im "Kreuz mit Kniescheibe und Hasenschädel"
zur Erscheinung gebracht. Hier scheint sich die biblische "Nächstenliebe"
nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf die Natur zu erstrecken.
Wie eine kleine schamanistische Totemskulptur hängt - statt Jesus
Christus - ein Hasenschädel am Kreuz, daneben eine Kniescheibe,
die - wie herausoperiert - Empfindungen von Ungeschütztheit und
Verletzbarkeit heraufruft. Man denkt ein anderes Beuyssches Objekt mit
dem Titel "Zeige deine Wunde". Beide umschreiben ein wichtiges
Element seiner Kunst: durch Provokation und Verfremdung Verdrängtes
heraufholen, die (beschädigten) Stimmen von Natur und Spiritualität
jenseits herrschaftlicher Diskurse von Rationalismus, Materialismus
und dogmatischer Glaubenslehren wieder zum Klingen bringen.
Literatur:
Friedhelm Mennekes: Beuys zu Christus. Eine Position im Gespräch,
Stuttgart 1989
Kreuzzeichen. Religiöse Grundlagen im Werk von Joseph Beuys, Suermondt-Ludwig
Museum Aachen 1985
Reinhard Zimmermann: Kunst und Ökologie im Christentum. Die "7000
Eichen" von Joseph Beuys, Wiesbaden 1994
Hans Markus Horst: Kreuz und Christus. Die religiöse Botschaft
im Werk von Joseph Beuys, Stuttgart 1998
Joseph Beuys/ Bernhard Blume/ Rainer Rappmann: Gespräche über
Bäume, FIU-Verlag,Wangen/ Allgäu 1994
Heiner Stachelhaus: Joseph Beuys, Düsseldorf 1987
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