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Während im Westen skeptische Neurologen nach dem "Sitz Gottes"
im Hirn forschen (etwa
"SPIEGEL" 21/2002), suchen andere Menschen in Esoterik
oder mystischen Traditionen Sinn, Ruhe, Zentriertheit und was man sich
sonst so von Metaphysik verspricht. Vor allem asiatische Religionsformen
(tibetischer Buddhismus, Zen, Yoga etc.) erfreuen sich regen Zuspruchs
und der Dalai Lama ist eine internationale Kultfigur geworden,
gegenüber dessen Charisma die Oberhäupter anderer Religionen
verblassen. Mein eigener Lebensweg und die damit verbundenen spirituellen
Suchbewegungen legten mir nahe, mich einmal mit der Frage auseinanderzusetzen,
ob der Westen diesen östlichen Traditionen etwas Ebenbürtiges
entgegenzusetzen hat. Damit verbunden war für mich die Notwendigkeit
einer tieferen - auch kritischen - Reflexion etwa buddhistischer Lehren,
die mich gleichwohl in bestimmten Lebensabschnitten fasziniert haben.
Auch der Westen besitzt seit Jahrhunderten - neben den heute allmählich
verblassenden Amtskirchen - starke spirituelle Traditionen, die jedoch
eher im Verborgenen wirkten und immer noch wirken: etwa die christlichen
Mystiker, jüdischen Kabbalisten, Gralssucher,
Rosenkreuzer und Anthroposophen, aber auch die ältere
keltisch-germanische Mythologie, die jedoch schwieriger zu rekonstruieren
und weiter von unserem Lebensalltag entfernt ist. Etliche von diesen
Strömungen wurden bereits in diesem Online-Magazin behandelt, dessen
Anliegen auch die Erforschung der Formenvielfalt westlicher Spiritualität
ist (siehe Atalante-Gesamtindex).
Daher kann dieses Heft nur punktuell verfahren und wenige zusätzliche
"Nervenpunkte" in die Diskussion einbringen.
Dazu zählt z.B. die Auseinandersetzung mit der Kritik am tibetischen
Buddhismus, wie sie das Ehepaar Victor und Victoria Trimondi
vortrug. Ihre Hauptthese: Der Westen übernehme mit der Lehre des
Dalai Lama unkritisch ein anachronistisch-okkultes Weltbild, in dem
frauenfeindliche, nekrophile und undemokratische Elemente vorherrschten
und das den Wert von Individualität und rationalem Denken zu unterminieren
versuche. Ausserdem enthalte es mit dem Shambhala-Mythos ein apokalyptisches
Feindbilddenken, das auf die zukünftige Auslöschung nicht-buddhistischer
Glaubenssysteme abziele. In dem Aufsatz "Der
Schatten des Dalai Lama" versuche ich berechtigte
und überzogene Argumente dieser Kritik zu erörtern und für
unsere Fragestellung fruchtbar zu machen.
Da ich selbst mehrere Jahre intensiv Zen praktizierte, mag ein
persönlicher Bericht ( Im Tempel der "Nicht-Angst")
darüber erlaubt sein und weiteres Licht auf das Thema werfen. Eine
plastische Schilderung seiner fernöstlichen Exerzitien trug auch
Reinhard Haeufle bei: Mein Zen: Erst
Pissen, danach Zähneputzen.
Zu den faszinierendsten
Entdeckungen westlicher Spiritualität gehört für mich
der Jenaer Kreis um 1800, der so vielschichtige Persönlichkeiten
wie Novalis, Schelling, Schiller, Hegel,
Tieck und die Brüder Schlegel hervorbrachte. Dieser
frühromantische Zirkel strebte bereits vor 200 Jahren eine erstaunliche
Synthese von Rationalität und Intuition, Wissenschaft und Kunst,
Vernunft und Naturmystik an, die bis heute nicht eingelöst wurde.
Für mich stellt sie nach wie vor ein Alternativmodell zur Spiritualität
Asiens dar und enthält auch vieles davon, was heute amerikanische
New Age-Theoretiker als "ganzheitlich" verkünden. In
"Atmendes Denken"
möchte ich - konzentriert auf Novalis - einiges davon
skizzieren, das aber in weiteren Heften noch fortgesetzt werden muss,
da es von grosser Vielfalt und Komplexität ist.
Das Porträt des Berliner Philosophen Jochen
Kirchhoff knüpft insofern daran an, als dieser mit
dem Konzept seiner "integralen Tiefenökologie"
durchaus in dieser Traditionslinie steht: Kirchhoffs Philosophie geht
immer von einem ganzheitlichen Erkenntnissubjekt aus, in dem
neben rational-logischem Denken auch die intuitiven, künstlerischen
und selbst übersinnlichen Erfahrungen des Menschen ernstgenommen
werden. Naturwissenschaft, Religion, Kosmologie, Meditation, Geomantie,
Musikhören bspw. sind für ihn keine Gegensätze, sondern
sich wechselseitig befruchtende Blickwinkel auf das, was wir mit trügerischer
Selbstverständlichkeit "Wirklichkeit" nennen.
Da Kirchhoff ein breites Wissen über philosophische und naturwissenschaftliche
Grundlagen besitzt, ist sein Denken vor esoterischer Abgehobenheit und
Verquastheit gefeit: eine Seltenheit in der heutigen spirituellen Szene,
wo auch viel Närrisches, Diffuses und Durchgeknalltes kursiert.
Die "Galerie"
stellt diesmal den Maler Anselm Kiefer
vor, der nicht nur zu den interessantesten und umstrittensten Künstlern
der letzten Jahrzehnte zählt, sondern dessen Werk eine ernsthafte
spirituelle Suche darstellt. Ausgehend von der Beschäftigung mit
dem durch die Nazizeit befleckten Potential germanischer Mythen
wandte sich Kiefer später vor allem der jüdischen Mystik
zu, ohne aber in einen platten Dualismus ("Kultur der Täter"
gegen "Kultur der Opfer" o.ä.) zu verfallen.
In "2001-Odyssee im Weltraum":
Kino als Initiationserfahrung? versuche ich mir einmal selbst
klarzumachen, warum mich Kubrick's Weltraumepos von 1968 bis heute so
nachhaltig fasziniert und ob man es ein "spirituelles" Kunstwerk
nennen kann: keine filmwissenschaftliche Analyse, sondern das persönliche
Statement eines Enthusiasten.
"Neue
Filme und Bücher" handelt diesmal von den Filmen
"Im toten Winkel", "Y tu mama tambien",
"Songs from the second floor" und "Starbuck
Holger Meins", die Bücher ergänzen z.T. das aktuelle
ATALANTE-Thema: "Ich war Buddhist" (Martin Kamphuis),
"Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen" (June
Campbell), "Das alte Tibet - Geheimnisse und Mysterien"
(Gerhardt W. Schuster), "Rassenideale sind der Niedergang
der Menschheit - Anthroposophie und der Rassismusvorwurf" (Hans-Jürgen
Bader/Lorenzo Ravagli) und "Der völkisch-nationalsozialistische
Kampf gegen die Anthroposophie" (Lorenzo Ravagli).
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