Einige Monate vor seinem Flug ins New Yorker World-Trade-Center verfasste der Pilot Mohammed Atta ein Testament, in dem u.a. verfügt wurde, dass bei seiner Beerdigung Frauen mehrere Meter Abstand von ihm zu halten hätten. Seien darüberhinaus irgendwelche Untersuchungen nötig, die z.B. das Anfassen seiner Geschlechtsteile erforderlich machten, dürfe weibliches Personal dies nur mit Gummihandschuhen vornehmen.

Selten wird einem durch ein Bild soviel klar wie hier: ein "religiöser Krieger", beinahe schon im von Jungfrauen bewohnten Paradies, drückt seinen Ekel vor der Profanität und Unreinheit irdischer Frauen aus und verlangt nach entsprechenden "Schutzmassnahmen". Nach Jahrhunderten erbitterter Sinnen- und Frauenfeindschaft durch das das Christentum scheinen solche Vorstellungen heutzutage nur noch von Fanatikern des Islam vertreten zu werden. Doch sind das "Heilige" und das "Weibliche", Gottessuche und Sexualität in den übrigen Teilen der Welt miteinander versöhnt?

Während sich viele Menschen z.B. der islamischen Welt noch religiösen Moralvorstellungen beugen, feiert die säkularisierte westliche Welt Sex und Erotik fast wie eine neue Ersatzreligion, in der jedoch kein Hauch von Metaphysik mehr mitschwingt. Die eingeölten Körper der Swinger-Club-Fans schimmern nicht wie Sternennächte, sondern wie das Fett, das den reibungslosen Lauf von Maschinen garantiert. Hier ist alles hundertprozent diesseitig, kein kosmisches Gefühl durchweht die Orgasmen und kein antiker Liebesgott spitzt im Vorfeld seine Pfeile, um süssen Schmerz von Ahnung und Erwartung auszulösen. Man regelt das Geschehen durch lockere Absprachen, und auch wenn die Räume dunkel sind, gibt es keine verborgenen Nischen der Seele oder Geheimnisse zwischen Scham und Offensive mehr zu erkunden.

Die Idee, eine Ausgabe der ATALANTE zu diesem Thema zu machen, war nicht nur durch historische oder mythologische Interessen motiviert. Wer ein sinnenfroher Mensch und gleichzeitig an Spiritualität interessiert ist, stösst auch in sich selbst manchmal auf Widersprüche, Reibungen und Abgründe. Wie geht das "Übersinnliche" metaphysischer Ideen zusammen mit dem "Sinnlichen", zumal seinen exzessiveren und animalischeren Aspekten? Wo treffen sich Körperlichkeit und Vergeistigung, physische Lust und Meditation, Begierde und Transzendenz? Für die ganz Diesseitigen, von denen es heute mehr und mehr zu geben scheint, gilt dieses Problem kaum, denn Religion, Metaphysik und Spiritualität sind für sie eh nur altmodische Dinge, die durch den Kitzel von Bungee-Jumping oder Wildwasser-Canooing ersetzt werden können. Wer sich aber nicht nur für die sinnlichen, sondern auch für die übersinnlichen Welten interessiert, findet manchmal schon andere Spannungen und Herausforderungen vor.

Trotz der persönlichen Motivation aber kann ein Blick in die Geschichte der Mythen und Religionen auch bei diesem Thema Erstaunliches bewirken. Denn das "Heilige" und "Sexuelle" standen nicht immer in dem feindlichen Verhältnis, wie es vom Kirchenchristentum ausgeprägt und heute - mit umgekehrten Vorzeichen - vom hypertrophierten Sex-Kult fortgesetzt wird. Vorchristliche Religionen, häretische Glaubenssysteme und die Mythen z.B. des Fernen Ostens pflegten und pflegen einen z.T. anderen Umgang mit diesem Spannungsfeld. In diese Bilderwelten hineinzumeditieren kann gleichermassen erhellend und versöhnend wirken.

Daher beschäftigen sich die Essays "'Hohes Lied' und 'Heiliges Tier'" sowie "Der 'Gehörnte Gott'" u.a. auch mit diesbezüglichen Fragen an die Religions- und Mythengeschichte. Ersterer kann wie eine persönliche Einführung ins Thema gelesen werden, zweiterer verfolgt die erstaunlichen Variationen eines uralten Archetyps durch die Jahrtausende bis heute. Er zeigt vor allem, dass bestimmte Urbilder nicht aussterben, sondern sich in immer neuen - bisweilen auch beklemmenden - Masken präsentieren.

"Dionysos im Tessin"
nähert sich der Polarität von Spiritualität und Sexualität durch die Augen von Gerhart Hauptmann, der mit dem "Ketzer von Soana" eine geniale Erzählung schuf, die viele Aspekte dieses Konfliktfeldes in sinnlich-dramatischer Form ausbreitet. Angereichert mit Bildern aus der atemberaubenden Landschaft, in der das Werk spielt, erzählen wir dieses hier in Umrissen nach, um Lust auf seine Lektüre zu machen.

Dietmar Hecht
, den ATALANTE-Lesern bereits wohlbekannt, untersucht in "Kristallkirche" mit kommentierten Traumbildern die Frage, inwieweit das Gewaltpotential der monotheistischen Religionen mit ihrer Verdrängung von Natur zusammenhängt. Ist eine Versöhnung von z.B. archaischen Figuren wie Pan, Satanael mit Christus möglich? Gibt es vermittelnde Berührungen zwischen paganen Muttergottheiten wie Aschera, der jüdischen Esther und den Schwarzen Madonnen des Christentums? Inwieweit resultiert das Mörderische von "Gotteskriegern" aller couleur daraus, dass sich ihr Begriff des "Heiligen" von den verborgenen Ebenen ihres Trieb- und Phantasielebens abgespalten hat?

Froh bin ich auch, diesmal einen kompetenten Anthroposophen dabeizuhaben, der das Spektrum noch einmal erweitert. In "Sexus, Eros, Agape" wirft Lorenzo Ravagli einen durch Rudolf Steiner inspirierten Blick auf das Thema Spiritualität und Sexualität. Für Steiner ist der Eros in grosse Zusammenhänge evolutionärer und kosmischer Art eingebettet, die nichts mit dem entfesselten (und oft auch egoistischen) Hedonismus unserer Tage zu tun haben. Auch wenn ich persönlich manchmal unter dem Druck der Steinerschen "Anforderungen" ächze, so tun sich hier doch Gedankenhorizonte auf, die nicht einfach vom Tisch zu wischen sind. ATALANTE bekommt dadurch eine Spannkraft, die manchmal auch ein bisschen wehtut. Aber man sagt ja, wo etwas wachsen soll, muss auch ein wenig Schmerz dabei sein.

Der Berliner Autor Arvid Dittmann schliesslich diskutiert in "SexSexSex" einige interessante Aspekte dessen, was landläufig mit "Sexualmagie" bezeichnet wird. Diese Disziplin ist den meisten eher unbekannt und zusätzlich durch vage Gerüchte und negative Projektionen aufgeladen. Dittmann nähert sich dem Phänomen vorsichtig und differenziert, ohne es der Sensationsgier auszuliefern und versucht es als integralen Teil innerhalb der Geschichte des abendländischen Okkultismus zu begreifen.

Anne Egos
literarischer Beitrag "Tiefblau unter dir"  beschreibt das Psychogramm eines authentischen Sexualmörders, der sich in seiner gesellschaftlichen Maske gleichwohl als kultivierter und kunstsinniger Mensch darzustellen vermochte.

"Neue Bücher und Filme" bespricht wie gewohnt persönlich ausgewählte Highlights, von denen vielleicht ein Funke auf den Leser überspringen mag: Diesmal die Filme "Mulholland Drive", "The Deep End", "Heaven", "Schwarze Tafeln", "Rivers and Tides" sowie meine Favoriten der diesjährigen Berlinale. Ausserdem die Bücher "Black Sun" von Nicholas Goodrick-Clarke, "Plattform" von Michel Houellebecq, Helmut Uhligs Tantraklassiker "Das Leben als kosmisches Fest" sowie "Die Religion der Kelten" von Bernhard Maier.

 

Atalante 6