In einer seiner zahlreichen Talkshow-Auftritte nach dem 11.September sagte der Orient-Spezialist Peter Scholl-Latour, der Westen könne sich leichter mit Muslimen und auch Islamisten verständigen, wenn er selbst irgendeine Form von Spiritualität besässe. Da dies aber nicht so sei, stünden wir im Ansehen gläubiger Mohammedaner oft "niedriger als Tiere". Jürgen Habermas, bisher immer als Prototyp des rationalistischen Aufklärers verstanden, sprach zur Überraschung vieler erst kürzlich vom "unabgeschlossenen" Säkularisierungsprozess unserer Gesellschaft und wies auf die nach wie vor bestehende Konkurrenz von "Wissens - und Glaubensansprüchen" hin. Indirekt warnte er vor der Ignoranz westlich-liberaler Gesellschaften gegenüber spirituellen Bedürfnissen und forderte einen breiten Dialog zwischen Wissenschaft und Religion, in dem immer wieder neu überprüft werden müsse, was "rational" sei und was nicht. Der 11. September, so Habermas, habe "im Innersten der säkularen Gesellschaft eine religiöse Saite in Schwingung versetzt" und erinnere uns bspw. daran, dass wir immer noch über keinen angemessenen Begriff zur Unterscheidung zwischen dem moralisch Falschen und zutiefst Bösen verfügten.

Ich fragte mich, ob und inwieweit das gegenwärtige Christentum
- eigentlich ja immer noch offizieller Repräsentant westlicher Spiritualität - hier ein kraftvoller und inspirierender Gesprächspartner sein könnte, aber bekam schnell meine Zweifel. Hatte es gegenüber dem Charisma etwa des Dalai Lama oder auch bestimmter islamistischer Führer wirklich noch eine Chance? Oder gegenüber "Schamanen" und anderen exotischen Formen der Esoterik, die aber zuweilen mit einer grossen Aura von Geheimnis und Kraft daherkommen? Ich musste an den zerbrechlichen Papst denken: ein in feines weisses Ornat gekleidetes Männchen, das gegen Verhütungsmittel und Homosexualität kämpft und in einem kleinen Glasauto durch die Strassen der Welt fährt. Oder an die Beliebigkeit von Kirchentagen mit ihren gitarrespielenden Jesusanhängern, vorwiegend sanft, tolerant und verständnisvoll darum bemüht, alles mit allem zu integrieren.

Erschreckende Zahlen kamen hinzu: Jedes Jahr verlassen 100.000 Deutsche die Kirche und bereits ein Drittel unserer Gesellschaft ist gänzlich konfessionslos. Millionen von Kinder und Jugendliche lassen sich nicht mehr von der Bibel betören, sondern von "Harry Potter" und dem "Herrn der Ringe"; etliche von ihnen geben sich auch zunehmend dunkleren okkulten, neuheidnischen oder gar neonazistischen "Ersatzreligionen" hin.

Was ist schiefgelaufen, dass die Bilderwelt der Bibel keinen mehr so richtig zu erreichen vermag, wenn wir einmal von vereinzelten Glaubenszirkeln absehen? Meine intensive Beschäftigung mit vorchristlichen und ausserchristlichen Religionen führte immer wieder zu der Frage, ob die Kirchen nicht selber Potentiale verspielt haben, die vielleicht durchaus einmal angelegt waren, aber durch Dogmatisierung oder Entmythologisierung verlorengingen? War es sinnvoll, Jesus Christus auf den Sozialarbeiter in Sandalen zu reduzieren, auf einen Kumpel, der gut zu den Menschen war, aber letztlich keinen Bezug zu einer transzendenten Sphäre hatte? Wo blieb die Gewalt der biblischen Bilder, ihr Magisches, Abgründiges und Euphorisierendes, die Dimension des Sinnlichen und Kämpferischen, Poetischen und Wunderbaren? Teilte das Christentum hier lediglich dasselbe Schicksal wie andere vom Säkularisierungsprozess gefährdete Weltreligionen oder müssen wir z.B. die Geschichte der Christianisierung noch einmal im Besonderen neu anschauen und durchdenken?

Was geschah eigentlich in Mitteleuropa, als der neue Christenglaube die alten heidnischen Naturreligionen ablöste? Gab es hier organische Übergänge oder war doch vieles durch Zwang und Taktik bestimmt, was eine echte Verinnerlichung der neuen Lehre erschwerte? Behielt C.G.Jung mit seiner als Psychiater gemachten Beobachtung recht, dass in unserem Unbewussten noch viel "Heidnisches" überlebt hat, das durch die Christianisierung nur oberflächlich berührt wurde? Tragen wir in uns selbst immer noch ein Nebeneinander von Archaischem und Christlichem und leben - unbewusst und nach Lust und Laune - mal dieses und mal jenes aus?

Wir wollen uns in dieser "ATALANTE" zum zweiten Mal dem Thema "Heidentum und Christentum" von verschiedenen Seiten nähern und und nach der Relevanz dieser zwei mächtigen Kraftfelder fragen, die nach wie vor lebendig und vielleicht erst in ihrer Dialektik ganz zu verstehen sind. Dabei ergibt sich indirekt auch die Frage, wie eine westliche Spiritualität aussehen könnte, die Potentiale von beiden Glaubensformen zu etwas Drittem, Neuem verbinden würde. Denn eine schroffe Polarisierung zwischen "heidnisch" und "christlich" ist sinnlos und unfruchtbar. Zu tief stecken wir in christlichen Traditionen, denen wir einiges verdanken und umgekehrt bergen die vorchristlichen Mythen immer noch bedenkenswerte Elemente, die nicht nur in die Gerümpelkammer der Geschichte (bzw. dubioser Sekten) gehören.

Wir wollen den Begriff "heidnisch" hier nicht generell auf alles Ausser- oder Vorchristliche ausdehnen: Interessante Spannungen bzw. Berührungen etwa zwischen Christentum und Judentum oder den asiatischen Religionen sollen in anderen Ausgaben dieses Magazins diskutiert werden. Hier wollen wir uns vor allem mit dem Verhältnis des europäischen Heidentums zur christlichen Kirche beschäftigen, also werden Germanen, Kelten, deutsche, isländische und skandinavische Geschichte eine wichtige Rolle spielen.

Der Essay "Heidenweisheit und Christus-Impuls" fragt danach, wie die Anthropososophie Rudolf Steiners zum heidnischen bzw. christlichen Erbe Europas steht: Ist sie möglicherweise ein Versöhnungsversuch, der z.B. die qualitative Naturbetrachtung antiker Mythen mit dem Freiheitsimpuls der Bibel zu vereinen versucht? Steiner ist kein unumstrittener Denker. Er wird momentan nicht nur wegen problematischer Äusserungen bzgl. des Rassenbegriffes attackiert, sondern gilt in Wissenschaftskreisen als eigentlich nicht seriöse, esoterische Figur. Da "ATALANTE" aber jedes Scheuklappendenken meiden will, stellen wir seine höchst interessanten Thesen zur Diskussion.

Ähnlich ambivalente Gefühle löst bis heute der Bildhauer, Zeichner und Performance-Künstler Joseph Beuys aus. Dachte er, der ja bekennender Anthroposoph war, ähnlich wie Steiner und versuchte er gar, dessen Ideen plastisch-ästhetische Form zu geben? "Kreuz mit Kniescheibe und Hasenschädel" zeigt zumindest einige weniger bekannte Aspekte seines Werkes auf, die auch auf eine Versöhnung zwischen "Heidnischem" und "Christlichem" hindeuten.

Dasselbe gilt in vielen Belangen auch für den "Parzival" des Wolfram von Eschenbach, ein bis heute erstaunlicher literarischer Text des 13. Jahrhunderts, der die Spannungen des damaligen Christianisierungsprozesses veranschaulicht.  "Rote Lippen, heiliger Gral" versucht eine persönliche Annäherung an dieses Werk, in dem noch einmal vieles von den alten Mythen und häretischen Bewegungen greifbar wird. Wolfram skizziert hier ein "inneres Christentum", das ohne Dogma und Feindschaft gegenüber Sinnlichkeit und Natur auskommt. Seine Modernität besteht u.a. auch darin, die spirituelle Suche eines einzelnen Individuums in den Mittelpunkt gerückt zu haben sowie in seiner Offenheit gegenüber ausserchristlichen Kulturen (etwa dem Orient).

Drei Beiträge führen uns in den hohen Norden: In seinem Essay "Zwischen Thorshammer und Kruzifix" beschreibt der Skandinavist und Schriftsteller Klaus Boeldl die Christianisierung der Wikinger, die komplexer verlief als es viele neuheidnische Klischees wahrhaben wollen und der Musikjournalist Thor Wanzek befasst sich in "Pagan Poetry" und "Pagan Pop" mit Neuheidentum im heutigen Island. Auf dieser Insel verlief die Ablösung der alten Religion anders als auf dem Kontinent und noch heute ist hier vieles von den alten Mythen und Traditionen auf eine unverkrampfte Art lebendig. Das beweisen etwa zahlreiche Künstler sowie die neben dem Christentum existierende neuheidnische Glaubensrichtung des "Asatru". Ein Porträt des finnischen Fotografen Jorma Puranen führt uns zur Kultur der Samen im Norden Skandinaviens, deren Künstler z.T. heute noch Reste der alten magischen Naturreligion weiterpflegen.

Auch die Sakralbauten "heidnischer" Gesellschaften (z.B. der Megalithkultur) faszinieren uns immer noch in ihrer Rätselhaftigkeit, Einfachheit und Monumentalität. In "Als die Steine noch selber sprachen" beschreibt der Architekt Heinrich Jennes eine Reise nach Malta, wo sich einige der ältesten Megalithbauten der Erde befinden und reflektiert deren starke Ausstrahlung auch auf die Architektur der Moderne.

In Neue Filme und Bücher nehmen wir ebenfalls Bezug zum Thema: Zwar werden auch die Filme "Die Klavierspielerin" und "Das Zimmer meines Sohnes" vorgestellt, aber unsere Hauptaufmerksamkeit gilt der neuen Mythenwelle im Kino mit "Harry Potter"und "Der Herr der Ringe". Letzterer wird durch die Besprechung einer lesenswerten Tolkien-Biographie ergänzt. In welche teilweise trübe und fanatische Fahrwasser die Rezeption nordischer Mythen auch gelangen kann, veranschaulicht u.a. eine neue Studie des Historikers Uwe Puschner über die "völkische Bewegung", deren neuheidnisch-rassistische Ideologeme im Dritten Reich weiterwirkten und auch heute gelegentlich wieder in der rechten Szene auftauchen.