Als sich vor ca. 1600 Jahren das Christentum durchzusetzen begann, wurden die vorher bestehenden Naturreligionen als "Heidentum" abgewertet. Ob Kelten, Germanen, Atzteken, Mayas oder nordamerikanische Indianer: Unter der neuen Herrschaft des Kreuzes rückten sie mehr und mehr in den Hintergrund und mit ihnen eine vielfältige Welt von Mythen, Symbolen und Ritualen.

Zwar verbot das Christentum die alten Opferpraktiken, predigte Nächstenliebe und stellte das Individuum höher als die Stammesverbindungen, aber es säuberte auch die Natur von mythischen Wesen, die diese vorher als lebendigen Organismus erfahrbar gemacht hatten. Zudem belegte es Weiblichkeit und Sexualität mit negativen Vorzeichen und stellte eine dualistische Moral auf, in der sich Gut und Böse, Gott und Satan unversöhnlich gegenüberstanden.

Durch Machtpolitik, Institutionen und Dogmen verhärtet, verlor die neue Religion bald ihre emanzipatorischen Impulse und wurde - zumindest für einige Jahrhunderte - gewalttätiger als alle heidnischen Religionen zusammen: Kreuzzüge, Inquisition und die Verfolgung von Hexen, Juden und Ketzern befleckten die Heilsbotschaft von Jesus Christus mit soviel Blut, dass sich die Kirche bis heute dafür entschuldigen muss.

Doch die alten Naturreligionen verschwanden nicht restlos. Zu tief verankert im menschlichen Unbewussten schienen ihre Bilderwelten zu sein, die immerhin einige Jahrtausende alt waren. Eines der spannendsten Kapitel der Kultur- und Religionsgeschichte sind die Spuren dieses "heidnischen Unterstromes", der sich unter der Oberfläche von Christentum und Aufklärung bis in unsere heutige Zeit hinzieht. Er findet sich in den Ketzerbewegungen des Mittelalters, in den Gralsromanen und Hexenprozessen, bei Paracelsus und im Volksaberglauben, beherrschte das Naturgefühl der deutschen Romantik, aber feierte auch unheilvolle Triumphe im Dritten Reich (siehe dazu mein Buch "SCHWARZE SONNE").

Neben der Möglichkeit ideologischen Missbrauchs, der bis in heutige neuheidnische und rechte Gruppen betrieben wird, enthalten die versunkenen Mythen jedoch auch unerlöste und bedenkenswerte Potentiale, die vor allem Künstler und Psychologen immer wieder zur Auseinandersetzung mit ihnen anregten. In diesem und dem nächsten Heft der "ATALANTE" wollen wir uns damit beschäftigen, zu welch vielfältigen Erscheinungsformen es in diesem Spannungsfeld kam:

"VON CALLANISH ZU CHRISTUS" untersucht diese Dynamik auf sehr persönliche Weise in keltischen Ländern wie Schottland und Irland, "DAS RAUSCHEN DER HAINE" spürt heidnischen Reminiszenzen der Romantik nach und "DER SCHAMANE VON BOLLINGEN" zeigt den Psychiater C.G.Jung in seinem Konflikt zwischen Heidentum und Christentum.

In "DIE REISE DES HENKERS" stellt Dietmar Hecht provokative Fragen zum Verhältnis von Spiritualität und Sexualität: Warum wurde Jesus Christus - im Gegensatz zu seinen Henkern und dem Teufel - stets ohne Phallus dargestellt? Sind die historischen Zerstörungsaktionen der Kirche und evt. sogar der Holocaust Spätfolgen von Ressentiments eines "kastrierten Christentums"? Wie geht die jüdische Kabbala mit Religion, Sexualität und Weiblichkeit um?

Unsere "Galerie" wirft diesmal einen Blick auf Südamerika, wo die Spannung zwischen mythischem Erbe und Katholizismus bis heute lebendig ist und vor allem von Künstlern immer wieder aufgegriffen wird, etwa von dem mexikanischen Maler FRANCISCO TOLEDO.

Ob der literarische Essay mit dem deftigen Titel "ESSEN IN KLEINVIEHBERG" zu unserem Themenschwerpunkt gehört, mag jeder selbst entscheiden: Es ist eine Kostprobe des Schreibtalentes einer Archäologie-Doktorandin, die beweist, dass sich wissenschaftliche Betätigung und sinnliche Sprachkraft durchaus vertragen können.