|
Immer häufiger
betonte Zander, dass er Steiners Ideenwelt durch seine historische Kontextualisierung
nicht zerstören, sondern im Durchgang durch kritisches Fragen zum
Entstehen einer neuen, "aufgeklärteren" Anthroposophie
beitragen wolle. Zander hat eigentlich ein ambivalentes Verhältnis
zur Anthroposophie, was im persönlichen Gespräch noch viel stärker
herauskommt als in der Habilitationsschrift oder in seinen Medienauftritten.
Dort muss er ein bisschen dem öffentlichen Tenor Genüge tragen,
der - zu Recht - nicht nur gereizt auf jeden Rassismusverdacht reagiert,
sondern - zu Unrecht - auch eine generelle Aversion gegenüber allem
Esoterischen ausserhalb der Weltreligionen hegt. Trotzdem haben mir die
Gespräche mit Zander durchaus Spass gemacht und hinterliessen manche
Denkanstösse. Auch ich habe zu Steiner ein ambivalentes Verhältnis
und kann mir gar nicht vorstellen, wie man ein anderes zu ihm haben kann.
In Gesprächen mit hundertprozentigen Anhängern als auch mit
erbitterten Gegnern werde ich meist zum advocatus diaboli, der Steiner
mal kritisch hinterfragt und mal in Schutz nimmt. Wie soll man auch anders
mit einer solchen Rätselfigur umgehen, die beanspruchte, übersinnliche
Einsichten in jeden Bereich von Leben, Tod und Kosmos zu besitzen?
Zanders Skepsis gegenüber der von Steiner behaupteten Fähigkeit
zur "hellsichtigen Schau" zeugen für mich erstmal nicht
von Respektlosigkeit oder Zerstörungswut, sondern regt an, Argumente
dafür zu finden, was Steiner mit seiner "geistigen Schau"
eigentlich gemeint haben könnte. Dem gingen aber bisher die Anthroposophen
aus dem Wege, die z.T. äusserst gereizt auf Zander reagierten und
ihn mit manchmal unter der Gürtellinie liegenden Beleidigungen zu
attackieren versuchten ("erzdumm", "bösartig",
"völlig unwissenschaftlich" etc.) Diese aus tiefen Verletzungen
(oder aus blanker Rechthaberei?) resultierenden Angriffe habe ich nie
verstanden. Keiner dieser Steiner-Apologeten hatte es jemals für
nötig gehalten, Nicht-Anthroposophen zu erklären, was es denn
mit den telepathischen Fähigkeiten der Atlantier oder dem Lesen in
der Akasha-Chronik auf sich hat, sondern man begnügte sich mit dem
Vorwurf, Zander habe sich nicht bemüht, Steiners Geisteswissenschaft
"von innen" zu verstehen. Dem folgte meist der herablassende
Rat, doch ein paar Jahre bestimmte spirituelle Denkübungen zu betreiben.
Zander verweist demgegenüber z.B. auf ältere Atlantis-Texte
(z.B. Scott-Elliott), die fast identische Formulierungen wie bei Steiner
enthalten und erklärt dessen Werk zu einer "bricolage"
von bereits bestehenden Ideen. Trotzdem gesteht er Steiner durchaus ein
schöpferisches Potential zu, was in der Zander-Kritik bisher kaum
erwähnt wurde. Er spricht ausdrücklich von Steiners "Fortschreibung"
älterer, z.B. theosophischer Traditionen und von seiner "kreativen
Intelligenz".
Vielleicht besteht Zanders Hauptproblem daraus, nicht genügend erklärt
zu haben, was er eigentlich mit dieser Kreativität meint.
Denn bei einer solchen Untersuchung käme man vielleicht auch auf
Bereiche, die nicht mehr nur rational zu erklären sind; immerhin
spielen in den kreativen Akt Phänomene hinein, die die Sprache nicht
umsonst mit spirituellen Begriffen wie "Eingebung", "Einfall"
oder "Geistesblitz" zu umschreiben versucht. Die Griechen kannten
noch die Existenz eines "daimonos" oder von "Musen",
die dem Menschen Dinge zuflüstern, ihn zu Ideen anregen, die nicht
alleine aus dem Bestehenden oder aus rein logisch-diskursivem Denken zu
erklären sind. Jeder Erfinder oder geniale Wissenschaftler kennt
solche Momente, wenn ihm z.B. Träume oder Visionen bei der Entstehung
eines völlig neuen Gedankenzusammenhanges helfen und er nachher nicht
weiss, wie dies eigentlich passiert ist. Ist er nicht dabei auch an einen
höheren, übersinnlichen Raum angeschlossen, dessen geistige
Strukturen er vielleicht nur in seinem Denken spiegelt oder zu eigenständiger
Weiterentwicklung aufnimmt? Waren somit nicht auch Johannes Kepler, Albert
Einstein und Werner Heisenberg vorübergehend an die Akasha-Chronik
angeschlossen?
Wissenschaftshistoriker wie Thomas
Kuhn, Kurt
Hübner, Paul
Feyerabend oder Ernst-Peter Fischer
haben darüber vieles Interessante zusammengetragen. Spricht man Zander
auf solche Dinge an, bemerkt man eine Öffnung und eine Bereitschaft,
auch über solche Phänomene nachzudenken. Vielleicht will er
solche Dinge nur nicht im Raum des blossen Raunens oder Glaubens belassen,
sondern in die Tageshelle einer auch wissenschaftlich fundierten Erkenntnis
ziehen.
Dasselbe gilt für den Versuch, mithilfe von moderner Mythen- und
Metaphernforschung dem spezifischen und oft bildhaften Denken Steiners
näherzukommen. Zander weiss, dass in der Forschung mythische Denksysteme
und metaphorische Ausdrucksweisen schon lange nicht mehr als defizitäre
Vorstufen wissenschaftlicher Rationalität gesehen werden, sondern
als eigenständige Diskurse mit einer ganz eigenen Logik und Klassifikationsleistung.
Claude
Levi-Strauss, Karl
Kerenyi, Joseph
Campbell und Hans
Blumenberg sind nur einige prominente Namen, die zu dieser Rehabilitierung
des Mythisch-Bildhaften beigetragen haben. In unserem Gespräch war
Zander denn auch durchaus geneigt, diesem Weg ein Stück zu folgen,
um neue, auch durch Wissenschaft vertiefte Zugänge zu Steiners Denken
zu bahnen. Denn in der Anthroposophie wimmelt es ja von grossen Bildern:
der alte Saturn, die lebendige Erde, Michael, Luzifer, Ahriman, die Elementargeister
der Natur, die Erzengel, der Gral, König Artus' Tafelrunde, Atlantis
sind für mich eher Bilder als Begriffe und rekurrieren ja oft genug
auf die geistigen Erfahrungen tatsächlicher Mythen. Mich hat es immer
gewundert, dass Anthroposophen auf diesem Felde so wenig geforscht haben,
um von hier Anschluss an hochinteressante wissenschaftliche Traditionen
der letzten 100 Jahre zu finden. Kreative Theologen wie Hans Küng,
Dorothee Sölle und Eugen Drewermann haben dies eher getan und waren
dadurch in der Lage, auch nichtgläubigen Menschen etwas von der tiefen
existentiellen Dimension christlicher Symbolwelten näherzubringen.
Beim Gespräch mit Zander dachte ich daran, wie sehr dies in der Anthroposophie
fehlt, wie sehr man oft im eigenen Saft kocht, in der eigenen Sprache
gefangen ist und elitär geistige Voraussetzungen beschwört,
die man meist selbst gar nicht erfüllt. Deshalb kann ich verstehen,
wenn Zander für die Anthroposophie einen Durchgang durch "historische
Kontextualisierung" und einen Anschluss an die "gesellschaftliche
Reflexionskultur" fordert. Er fordert damit nichts anderes, als
was z.B. christliche und jüdische Theologen seit vielen Jahrzehnten
betreiben, ebenso wie Religionswissenschaftler und Ethnologen, die sich
etwa mit Mythologie oder Schamanismus beschäftigen. Vielleicht ist
es einem Lehrstuhl für die Erforschung esoterischer Traditionen,
den Zander möglicherweise einmal bekommen könnte, vorbehalten,
solche interdisziplinäre Arbeit zu leisten und dann die Anthroposophie
noch in ganz andere Kontexte "alternativen Denkens" zu stellen.
Angesichts des heutigen Esoterik-Booms, der an Seichtigkeit kaum mehr
zu überbieten ist, scheint es fast ein Skandal, dass bisher in Europa
nur ganz wenige solcher Lehrstühle existieren (z.B. Antoine
Faivre in Paris, Nicholas
Goodrick-Clarke in Exeter, Wouter
Hanegraaff in Amsterdam).
Ein interessanter Moment mit Zander ergab sich, als wir im Gespräch
die Musik Bachs streiften, die er liebt und auch gelegentlich als Sänger
in einem Chor praktiziert. Als ich ihn fragte, ob er dabei auch unentwegt
an die historisch-kritische Kontextualisierung von Bach denke, zögerte
er einen Moment und antwortete dann mit einem schmunzelnden Nein. Er fügte
jedoch einschränkend hinzu, dass er gerade beim Singen auch "Angst
vor Kontrollverlust" habe, d.h. davor, in der Hingabe an die Bachschen
Klangbewegungen sein auf logisch-begriffliche Arbeit dressiertes Ich zurückstellen
zu müssen. Daraufhin erzählte ich ihm von dem Dirigenten Günther
Wand, der einmal von einem weiblichen Fan gefragt wurde, was sie gegen
die immer wiederkehrenden Fallträume beim Hören seiner Bruckneraufnahmen
tun solle. Lassen sie sich ruhig fallen, antwortete Günther Wand,
bei Bruckner können sie immer nur nach oben fallen. In keinem Moment
unseres Gespräches habe ich Zander mit einer so spontanen und starken
emotionalen Reaktion erlebt wie nach dieser Anekdote. Das sei ja ein toller
Satz, rief er begeistert und zeigte eine tiefe Freude über die darin
versteckte Weisheit, von der er vielleicht selbst gerne noch mehr in sein
Leben integrieren würde.
Was hiesse das in Bezug auf seine Beschäftigung mit der Anthroposophie?
Ein Stück mehr Vertrauen in die Ernsthaftigkeit von Steiners lebenslangem
Ringen um so etwas wie eine überzeitliche Wahrheit? Der Versuch,
eine Zeit lang in dessen Bildern zu leben statt nur immer über deren
Entstehungsbedingungen nachzudenken? Das Offenlassen der Option, ob Steiner
nur Altes neu kompiliert oder wirklich Neues geschaffen hat? Ein stärkeres
Nachdenken darüber, wie Neues überhaupt entsteht? Mehr Unabhängigkeit
vom oft totalitären Geist einer "scientific community",
die jede Abweichung von bestimmten Erkenntnismethoden mit Ausgrenzung
bestraft? Vielleicht kehren bei einer Persönlichkeit wie Zander solche
Dinge ein, wenn er einmal seine Professur für Esoterikforschung o.ä.
besitzt. Dann wünschte man sich dort einen so vielseitig gebildeten
und präzisen Denker wie ihn, der gleichwohl auch entspannt genug
wäre, neben der herkömmlichen Rationalität auch noch offen
gegenüber ganz anderen Bewegungen des Geistes zu sein.
|