"So geh ich mit beherzten Schritten..."


Kurzgeschichte von Rüdiger Sünner

   
   

Ich war schon früh aufgestanden, um noch einmal die schwierigen Stellen für das Stück am Abend durchzugehen: "So geh ich mit beherzten Schritten, auch wenn mich Gott zum Grabe führt. Gott hat die Tage aufgeschrieben, so wird, wenn seine Hand mich rührt, des Todes Bitterkeit vertrieben."

Merkwürdige Texte am frühen Morgen, wenn man gerade erst aus dem Bett kommt und draußen das Leben beginnt. Aber die kraftvolle Musik ließ mein Blut durch alle Adern zirkulieren und im Nu war ich hellwach. Ich freute mich auf heute abend. Vielleicht würde man danach noch mit Freunden draußen in einem Café sitzen und das Gefühl einer gelungenen Aufführung mit in die Nacht hineinnehmen. Nach zwei Stunden klappte ich das Klavier zu und ging zur nächsten U-Bahnstation, um noch ein paar Besorgungen in der Stadt zu machen.

Als ich zu den Zügen hinunterstieg und in der Ferne den jungen Mann auf dem Boden sitzen sah, dachte ich erst an nichts Besonderes. Erst beim Näherkommen bemerkte ich, daß er wie ein Skinhead aussah, seine Beine in den Gleisschacht baumeln ließ, eine Bierflasche in der Hand hielt und jeden wütend anfuhr, der sich ihm näherte. BVG-Personal lief unruhig mit Funksprechgeräten umher und die Passanten verharrten in einer Mischung aus Hilflosigkeit und Sensationslust. Gerade zischte er einen Beamten an, der ihn zum Aufstehen aufforderte: "Was willst du von mir? Mein Leben geht dich doch gar nichts an? Hau ab oder ich schlag dir eins in die Fresse!"

Man versuchte, den herannahenden Zugführer zu informieren und bat ihn, seine Geschwindigkeit herabzudrosseln. Ein paar Sekunden verharrte auch ich, aber dann ging ich plötzlich zu dem jungen Mann hin, näherte mich bis auf ca. einen Meter und sagte: "Komm, laß es sein ... das ist keine gute Lösung."

Haßerfüllt starrte er mich an und fauchte auch mir die entsprechenden Aggressionen entgegen. Aber ich liess mich nicht abweisen. Gibt es Tage, an denen man mutiger ist als sonst? War ich durch das frühe Aufstehen gekräftigt oder war es nur der Trotz gegenüber der passiv-erregten Masse um uns herum?

Trotz seiner Attacken blieb ich stehen und es gelang mir, ihn mit ein paar Sätzen ein wenig zu beruhigen. Eher hörte ich mich sprechen, als daß ich selber sprach und ich wunderte mich über die richtige Mischung aus Nüchternheit und Mitgefühl, die der Ton des BVG-Beamten von eben verfehlt hatte. Der junge Mann wandte seinen Blick von mir ab, senkte den Kopf und nach einiger Zeit verwandelten sich seine Aggressionen in ein schluchzendes Stammeln, aus dem Bruchstücke einer Lebenskrise hervorbrachen: keine Arbeit, die Freundin weg, der Onkel, bei dem er bisher wohnte, habe ihn heute morgen vor die Tür gesetzt etc. Zum Schluß unter Tränen und eher hilflos der Satz: "Den Ausländern steckt man alles in den Arsch und die eigenen Leute gehen vor die Hunde."

Während ein studentenähnlicher Typ sein Gesicht dabei verzog, schmunzelten ein paar ältere Türken und zeigten fast Mitgefühl mit dem verirrten Geist, der abgewrackt vor ihnen hockte und sich weder zum Leben noch zum Sterben entschließen konnte. Ich sagte, daß ich wüßte, was er meinte, aber daß dies trotzdem nicht die richtige Lösung sei. Entsprach dies meiner Überzeugung? Ich spürte jedenfalls beim Sprechen, daß dieser Satz zu den wenigen richtigen in dieser Situation gehörte.

Für ein paar Sekunden schaute der junge Mann zu mir herüber und blieb mit einem halb gläsernen, halb fragenden Blick an meinen Augen hängen. Dann hörte ich das Geräusch der sich langsam nähernden U-Bahn, die plötzlich wie ein mächtiges, aber umsichtiges Ungeheuer aus der Tunnelöffnung auftauchte. Man hatte den Zugführer über den Vorfall informiert und er versuchte jetzt, sein tonnenschweres Baby vor dem Unglückskandidaten zum Stehen zu bringen. Doch dieser rappelte sich auf und ließ mit gesenktem Kopf die wuchtigen Stahlmassen an sich vorübergleiten, vor die er sich eben noch hatte werfen wollen. Mit einem Geräusch, das wie ein tiefes, fauchendes Ausatmen klang, kam der Zug zum Stehen und wir stiegen zusammen mit den anderen Fahrgästen ein.

Während der Fahrt warfen mir einige von ihnen Blicke zu, halb anerkennend, halb kopfschüttelnd über die Verrückten dieser Stadt, die ihnen ihre Zeit stehlen. Ich stand nun neben dem jungen Mann, der stumm vor sich hin starrte. Erst jetzt konnte ich sein Gesicht richtig erkennen, das jünger und kindlicher war als eben im Halbdunkel des U-Bahnschachtes. Ein paar Sekunden standen wir schweigend da. Halb aus Verlegenheit, halb aus einem dumpfen Verantwortungsgefühl heraus stellte ich irgendeine Frage, worauf er weitere Details seiner Biographie hervorbrachte.

Als sich nach zwei Stationen die Abteiltür an einer neuen Haltestelle öffnete, huschte er blitzartig hinaus und verschwand im Gedränge des überfüllten Bahnhofes. In der ersten Sekunde war ich überrascht, dann auch erleichtert. Aber als der Zug weiterrollte, stieg Unruhe in mir auf. Warum war ich nicht mit ihm ausgestiegen, um seiner Geschichte wenigstens für ein paar Momente länger zuzuhören? Wir hätten am Imbißstand einen Kaffee nehmen können und es wäre vielleicht klarer geworden, wie ernst er es mit seinem Amoklauf wirklich meinte. War es richtig, ihn in seinem Zustand einfach alleine weiterlaufen zu lassen? Ich stellte mir vor, wie er jetzt durch die Menschenmassen irrte und sich angesichts der zahllosen gleichgültigen Gesichter immer tiefer in seine Verzweiflung hineinwühlte. Ich hätte durchaus Zeit gehabt, mit ihm eine halbe Stunde zu verbringen und durch weiteres Zuhören Erleichterung zu verschaffen. Er war nicht so betrunken, daß er vor jedes Gleis fallen würde, aber schwebte doch in einem gefährlichen Niemandsland, zu dem ich immerhin für kurze Momente Zugang gehabt hatte.

Ich hatte gekniffen, erst ein bißchen den Therapeuten gespielt, aber dann den Schwanz eingezogen. Nach seinem Verschwinden war die Abteiltür noch mindestens 20 Sekunden lang offen gewesen und der Gedanke, ihm zu folgen, war tatsächlich aufgeblitzt. Aber Trägheit und Feigheit hatten mich zurückgehalten. Auf Parties steht man mit Weingläsern herum und jammert über die Anonymität der Großstadt, aber wenn man sie selbst einmal durchbrechen soll, denkt man nur an sein eigenes Wohlergehen.

Sollte ich an der nächsten Haltestelle den Zug zurück nehmen und ihn suchen? Bestimmt war er längst im Gewühl der Massen verschwunden und irrte jetzt oben durch die überfüllten Straßen weiter. Ich war unfähig gewesen, über meinen Schatten zu springen und für jemanden ein kleines Opfer zu bringen. Zwar liebte ich es, von guten Filmen als "Reisen ins Unbekannte" zu schwärmen, aber in Wahrheit verschanzte ich mich hinter geregelten Tagesabläufen und zog das Gewohnte dem Unberechenbaren vor. Ich ekelte mich vor meiner Trägheit und betrachtete die Gesichter der anderen Fahrgäste. Einige von ihnen schauten mich immer noch wohlgesonnen an. Mir fiel die Bemerkung eines Psychologen ein, wonach ein gescheiterter Selbstmordversuch unmittelbar danach so gut wie nie wiederholt wird. Er hatte ja recht damit. Womöglich war alles ganz anders: Unsere kurze Begegnung hatte dem jungen Mann doch etwas gebracht und es war ihm tatsächlich jetzt unmöglich, die beabsichtigte Tat zu wiederholen. Auch ich hatte ja schon einmal mit solchen Gedanken gespielt, war aber dann von irgendetwas abgelenkt worden und mußte später über den Eifer meiner Untergangsphantasien schmunzeln. War nicht jeder letztlich selbst verantwortlich für sein Leben? Hätte ich Stunden mit ihm in seiner Stammkneipe verbringen sollen, um mir bei endlosen Solidaritäts-Bieren Elendsgeschichten und vernagelte politische Standpunkte anzuhören? Am Ende wären wir in falscher Brüderlichkeit hinausgewankt und vielleicht hätte er mich noch davon abhalten müssen, mit benebeltem Kopf vor irgendeinen Laster zu rennen.

Ich mußte kurz lachen und zog die Kopfhörer meines Walkmans auf, um in die Bachkantate hineinzuhören, die ich heute abend singen sollte. Doch diesmal klang sie unruhig und aufgewühlt, als ob die Klänge irgendetwas übertönen wollten. Eine Musik in seltsamem Aufruhr. Die schnellen Figuren der Streicher wirkten wie hysterische Betriebsamkeit und die Einwürfe des Chores wie spitze Schreie. Ich schaltete weiter zum nächsten Titel, der zwar ruhiger war, aber von "Qualen", "Schmerz" und "süßem Tod" handelte: eine Grabes- und Verzweiflungsmusik, die ich jetzt noch weniger gebrauchen konnte. Ich schaltete wieder aus.

Mir fiel eine Begebenheit aus meiner früheren Wohnung ein, wo ich durch übereifrige Hilfe am Ende als Idiot dagestanden hatte. Aus dem Hinterhof waren Schreie in mein Zimmer gedrungen, jemand hatte eine Tür zugeschlagen, und als ich hinausschaute, tauchte eine Frau am Fenster auf. Sie bat mich händeringend, die Feuerwehr zu holen: ihr Mann habe sie eingeschlossen. Ich telefonierte die Helfer herbei, die mit Helmen und Brechstangen wie Ritter aufmarschierten und von mir sowie einem Dutzend johlender Türkenkinder zum Tatort begleitet wurden. Als jedoch nach mehrmaligem Klingeln keiner öffnete, brach man die von Brandspuren entstellte Tür auf und betrat die verwahrloste Wohnung, in der jedoch niemand mehr war. In der Küche fanden die Beamten eine Pistole und warfen mir dabei halb verwunderte, halb mißtrauische Blicke zu. Wo steckte denn die eingesperrte Frau? War sie durchs Ofenrohr ins Freie geschwebt? Befand man sich in einem Haus von verstörten Einzelgängern, zu denen auch ich zählte? Ich zuckte nur mit den Achseln und der ganze Trupp inklusive der Kinder hangelte sich durch die zersplitterte Wohnungstür wieder zurück ins Treppenhaus, wo bereits weitere Gaffer auf uns warteten.

Als ich am nächsten Tag das schräge Paar aufsuchte und nach einer Erklärung fragte, hockte dies einträchtig mit einer Flasche Eierlikör in der Küche und der Typ grinste mich nur an: Es sei doch wieder "alles paletti". Hatte ich tags zuvor sprachlos vor ihren Schreiereien gestanden, so jetzt vor ihrer wiederhergestellten Harmonie und ich begab mich zurück in meine Wohnung, in deren Briefkasten mich am nächsten Tag eine polizeiliche Vorladung als Zeuge des Geschehens erwartete. Während die beiden in Urlaub fuhren, mußte ich noch einmal auf die Wache, um aus meiner Sicht den Vorfall in allen Details zu schildern und das Alarmieren der Feuerwehr zu begründen.

Solche Erinnerungen taten jetzt gut und halfen mir, wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Ich war Musiker, kein Psychiater oder Sozialarbeiter, hatte meine eigenen Probleme und überdies heute noch einiges zu erledigen. Ich verließ die U-Bahn und kaufte mir ein Stück Kuchen und einen Becher Kaffee, in den ich einen Löffel Zucker mehr kippte als gewöhnlich. Dann ging ich meinen Besorgungen nach, und es gelang mir nach und nach, den Vorfall wieder in den Hintergrund zu drängen und den sich aufklarenden Tag ein wenig zu genießen.

Als ich einige Stunden später wieder nachhausefuhr, entdeckte ich auf dem Titelblatt der Abendzeitung die Schlagzeile vom U-Bahn-Selbstmord eines Mannes am selben Nachmittag. Erregt kaufte ich ein Exemplar und überflog noch im Stehen den kurzen Artikel, der aber kaum mehr Information hergab. Man erfuhr lediglich, daß sich das Unglück in einem anderen Stadtteil ereignet hatte als der Vorfall heute morgen.
So war er also doch in seiner Verzweiflung quer durch die Stadt geirrt und hatte sich woanders vor den Zug geworfen.

Aufgewühlt lief ich zu einer Telefonzelle und rief die BVG-Zentrale an, um dort Genaueres zu erfahren. Jemand versuchte mich zu der verantwortlichen Abteilung durchzustellen, wo aber gesprochen wurde, sodaß ich in einer Warteschleife mit Musikberieselung landete: eine Streicherfassung von einem alten Jimmy Hendrix -Song.

Was sollte ich eigentlich die Person am anderen Ende fragen? Ob das Opfer eine Glatze hatte, ungefähr Mitte Zwanzig war und eine schwarze Lederjacke trug? Man würde mich fragen, warum ich das alles wissen wollte, ob eine Verwandtschaft bestünde und ich müßte anfangen, die ganze Geschichte in allen Details zu erzählen.

Was wollte ich denn in Erfahrung bringen? Daß ich einen Tod mitverschuldet hatte, nur weil ich nicht mit jemandem aus der U-Bahn ausgestiegen war? Oder daß das Opfer ein anderer war und der junge Mann von heute morgen deshalb noch lebte, weil ich fünf Sätze mit ihm gewechselt hatte?

Als ich gerade einhängen wollte, meldete sich eine Stimme und fragte mich, was sie für mich tun könne. Ich merkte, wie schwer mir der Anfang fiel und begann stockend mein Anliegen vorzutragen. Schon bald verstrickte ich mich in Widersprüche, weitschweifige Erläuterungen und für den anderen kaum nachvollziehbare Details, worauf mein Gegenüber langsam ungeduldig wurde. Irgendwann unterbrach er mich mit dem Hinweis, morgen wieder anzurufen, weil dann der zuständige Sachbearbeiter da sei und mir mehr Informationen liefern könne.

Ich bedankte mich und hing ein. Dann blieb ich noch einen Moment in der Telefonzelle stehen, durch deren verschmutzte Scheiben die gedämpften Geräusche des vorbeirauschenden Verkehrs drangen. Es war Rush-Hour und die Menschen beeilten sich, nachhause zu kommen. Zwischen zwei Häusern auf der anderen Straßenseite befand sich ein Abrißgelände, durch das man die tiefstehende Sonne sehen konnte, deren starke Strahlen auf mein Gesicht fielen.

Nach einer Weile ging ich hinaus und suchte die nächste U-Bahnstation. Aus den Lautsprechern drang die sanfte weibliche Stimme einer automatischen Bandansage: "Liebe Fahrgäste. Bitte beachten sie das Rauchverbot. Vielen Dank!" Ein kleines Mädchen sagte zu ihrer Mutter: "Die sagt 'Vielen Dank' und weiß gar nicht, ob die Leute das auch machen ..."

Die Mutter mußte schmunzeln, ich auch und unsere Blicke trafen sich für einen kurzen Moment. Dann kam die U-Bahn schnell und mit lautem Getöse durch den Tunnel gerast. Ich stieg ein, stülpte die Kopfhörer über und tauchte in die Pauken und Trompeten eines Kantatenschlusses ein, der sich zusammen mit den donnernden Gleisgeräuschen zu einer nie gehörten und wohlig erregten Heimfahrt-Musik verband.



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