Der schwarze und der rote Teufel
Ein Gespräch mit Otto Schily über Anthroposophie
von Rüdiger Sünner (info3, April 2008) PDF

Auch den ehemaligen Bundesinnenminister Otto Schily hatte ich auf der Wunschliste für meinen Film "Abenteuer Anthroposophie", weil er zu den prominenteren Fürsprechern der Anthroposophie gehört und es mir interessant erschien, auch aus dem Munde eines Politikers etwas über Rudolf Steiner zu hören. Leider ist, wie bei vielen anderen auch, nicht sehr viel von unserem Interview in den Film eingeflossen, was weniger mit der Qualität von Schilys Antworten, als mit den eigenen Formgesetzen eines in Bildern erzählenden Filmes zu tun hat. Aber die Begegnung war doch interessant genug, um hier - quasi als Bonusmaterial zum Film - darüber zu berichten, zumal sich Schily nicht allzu häufig zu anthroposophischen Fragen äussert.
 


Ich war erst unsicher, ob ich je einen Termin bei ihm bekommen würde, aber nach einer schriftlichen Anfrage bei seinem Büro sagte Schily zu meiner Überraschung doch relativ schnell zu. Dann aber dauerte es lange, bis ich ihn endlich vor die Kamera bekam. Dreimal wurde der Termin abgesagt, bis ich endlich an einem heissen Maitag 2007 in seine Berliner Anwaltskanzlei eingeladen wurde.Ich betrat ein sehr grosses, mit äusserst edlen Materialien eingerichtetes Büro-Apartment, in dem Skulpturen des Malers Markus Lüpertz mit der Widmung "Für Otto" standen und musste noch einmal zwei Stunden auf Schily warten. Währenddessen unterhielt ich mich mit seiner Sekretärin, einer schon etwas älteren, klugen und vornehmen Dame, die mir vom randvollen Terminkalender ihres nun schon 75 jährigen Chefs erzählte, über seine nahezu unerschöpfliche Energie und die Intelligenz seiner Bodyguards, die in dieser Prominentenklasse immer "ganz besondere Persönlichkeiten" seien. Zwischendurch versuchte sie Schily immer wieder übers Handy zu erreichen, landete aber nur bei einem Begleitwagen des Bundesgrenzschutzes, der immer der grossen schwarzen Limousine voranfährt und wir erfuhren, dass er noch durch dieses oder jenes abgelenkt war, pünktlich zu sein.
Endlich traf er ein, tatsächlich von zwei stämmigen Leibwächtern in schwarzen Anzügen begleitet, begrüsste mich freundlich und entschuldigte sich kurz für die Verspätung. Schily ist ein sympathischer, intelligenter und uneitel wirkender Mann. Er stammt aus einer Anthroposophen-Familie, aber hat sich doch im Laufe der Zeit eine ganz eigene Meinung zu diesem Thema gebildet. Im Gespräch nannte er Steiner eine "Ausnahmepersönlichkeit mit ungeheurem Wissen und Fähigkeiten", der ihm immer wieder "interessante Denkübungen" zumute, aber er wies auch daraufhin, dass er sich nicht unbedingt zu der anthroposophischen Community zugehörig fühle. Er habe diesbezüglich kein "Gruppengefühl" entwickeln können, sei also eher ein Aussenseiter, der aber viel von Steiner gelesen und vor allem von dessen Arbeitervorträgen profitiert habe. Interessanter wurde es, als ich Schily nach konkreten Berührungspunkten von Anthroposophie und Politik befragte und es nach und nach schaffte, ihn zu persönlicheren Aussagen zu bewegen. Schily gab zu, dass die Geistwesen "Luzifer" und "Ahriman", mit denen Steiner das Wesen des Bösen zu ergründen versuchte, auch für ihn eine Realität darstellten, die er durchaus zuweilen in der Tagespolitik wiedererkennen könne. Der zu Hybris neigende Feuerkopf Luzifer erscheine dann z.B. im Fanatismus religiöser oder nationalistischer Fundamentalisten, aus deren grossen, aber missgeleiteten Ideen dann sehr schnell Tod und Verderben resultiere. Ahriman hingegen sei das "kalte Herz" des ausschliesslich materiellen Denkens, in dem der Mensch leicht steckenbleiben könne. Schily erzählte dazu einen Traum, in dem er den "schwarzen Teufel" (so nannte er Ahriman im Gegensatz zum "roten Teufel Luzifer") als dunkle Gestalt erblickt habe, der mit dem Rücken zu ihm gestanden habe. Beim Umdrehen sei an der Stelle seines Gesichtes nur ein schwarzes Loch zu sehen gewesen, in das er - Schily - förmlich hineingestürzt sei. Noch heute überkomme ihn bei der Erinnerung an diesen Traum eine Gänsehaut: ungewöhnliche Momente in der Begegnung mit einem Politiker, aus dessen Munde man normalerweise ganz andere Dinge gewöhnt ist. Schily warnte allerdings vor allzu viel Simplifizierung bei der Vorstellung dessen, was "Luzifer" und "Ahriman" darstellen. Keineswegs dürfe man sich Personen mit Teufelsmasken o.ä. vorstellen, sondern müsse im Raum rein geistiger Kräfte bleiben. Dabei musste ich an die grosse Skulptur des "Menschheitsrepräsentanten" im Goetheanum bei Dornach denken, wo Steiner diese beiden Wesen zusammen mit Christus in Holz plastiziert hat. Ist ihm das wirklich gelungen oder hat er hier doch allzu realistische Teufelsfiguren modelliert, die die Imagination eher schwächen als beflügeln?
Von Luzifer und Ahriman führte das Gespräch notwendigerweise zur Frage nach dem Sinn des Bösen in der Welt. Schily wusste auch, dass Steiner die Existenz dieser Kräfte für die Erringung der menschlichen Freiheit für notwendig hält, aber er tat sich doch sichtlich schwer, das Böse philosophisch zu rechtfertigen. Musste er dabei an Katastrophen wie Auschwitz denken, an die gelegentlich auch von Esoterikern vorgenommene Erklärung des Holocaust als "Karma des Judentums" und ähnliche Geschmacklosigkeiten? Vielleicht, so versuchte er diesen Komplex abzuschliessen, müsse auf die Kinderfrage "Warum" nicht immer eine Antwort stehen. An Steiner missfalle ihm manchmal, dass er in allem und jedem einen Sinn sehen wolle.
Schily hat sich auch Gedanken zu den immer wieder erhobenen Antisemitismus- und Rassismusvorwürfen gegenüber der Anthroposophie gemacht. Er wies daraufhin, dass für ihn Steiner kein Antisemit sein könne, weil er oft genug die geistige Tiefe des Judentums hervorgehoben und viele dort auftauchende Gedanken als Vorläufer zu seiner Geisteswissenschaft erklärt habe. Auch seien Unterscheidungen zwischen Kulturen und Rassen nicht prinzipiell verwerflich; aus ihnen müssten nicht zwangsläufig fürchterliche Verbrechen - wie z.B. die der Nazis - resultieren. Es gäbe jedoch eine Stelle in Steiners Vorträgen, wo dieser eine geistige Überlegenheit des Europäers gegenüber anderen Kulturen angedeutet habe, was er - Schily - nach den Verbrechen des 20. Jahrhunderts nicht verstehen könne. Hier, wie auch in manch anderen Dingen, sehe er Steiner kritisch.
Viel Zustimmung zur Anthroposophie ergab sich beim Thema Tod und Reinkarnation, wo Schily auch wieder Gedanken äusserte, die man von einem Politiker nicht unbedingt erwartet. Nicht erst Steiners Texte hätten ihn zum Nachdenken über eine etwaige Fortexistenz der Seele nach dem Tode angeregt, sondern bereits ein Erlebnis als Jurastudent in den Seziersälen der Gerichtsmedizin. Beim Anblick eines von Pathologen geöffneten Leichnames habe er nach einiger Zeit gewusst: Das ist der Mensch nicht. So wenig wie dieser allein durch Gen-Übertragung und Umwelt erklärbar sei, so wenig durch blosse Reduktion aufs Materielle. Allein die Tatsache, dass der tote Mensch rasch zerfalle und sich auch seine lebendige Gestalt im Zell-Austausch ständig verändere, weise auf ein Etwas hinter dem Materiellen hin, dass die die stofflichen Prozesse quasi von höherer Warte beeinflusse. Äusserst empfindliche und sich selbstregulierende Gleichgewichte von Temperatur und Säuregehalt existierten in unserem Organismus, allein der Hüftknochen sei ein "Wunderwerk der Statik", das kein Ingenieur nachbauen könne. Warum also sollten nicht hinter dem physischen Leib noch andere feinstoffliche Leiber sowie das Ich existieren, die erst im Zusammenwirken das ganz Mysterium des Lebens ausmachten? Dass diese sich nach Tode ablösten und vielleicht wieder neu inkarnierten, sei für ihn nicht nur ein sympathischer, sondern durchaus auch plausibler Gedanke. Er böte auch Trost für die Tragödien von Kindestod und Behinderung, die dadurch in ihrer niederschmetternden Wucht ein wenig gedämpft werden könnten.
Sympathisch an Schily ist sein undogmatisches Herangehen an die Anthroposophie. Er betont immer, das er über keine besonderen übersinnlichen Erkenntniskräfte verfüge, aber ist der Überzeugung, dass Anthroposophie auch nicht nur geglaubt werden solle. Besser sei ein gewisses Vertrauen in die Plausibilität bestimmter Gedankengänge Steiners, die man allerdings selbst nachdenken und nicht als feste Vorgaben akzeptieren müsse. Auch die Heisenbergsche Unschärferelation könnten 99% der Menschen niemals restlos rational rekonstruieren, aber man könne in die Sorgfalt der Forscher vertrauen und sie als Denkmodell auf sich wirken lassen.
Interessant waren auch Schilys Ausführungen zur Waldorfpädagogik, die er in ihren Grundzügen für eine den Staatsschulen mindestens ebenbürtige Erziehungspraxis hält. In diese Beurteilung spielen auch persönliche Erlebnisse hinein, etwa die Schwierigkeiten, die die ganz spezifische Intelligenz seines Bruders Konrad in einer Staatsschule erleiden musste, der er aber dann in einer Waldorfschule aufgeblüht sei. Epochenunterricht, früher Fremdsprachenerwerb, künstlerische und praktische Betätigung, all das schätze er hoch ein, aber auch die Waldorfschulen dürften sich nicht ausruhen auf dem einmal Praktizierten, sondern müssten sich der Forschung öffnen und in kreativer Bewegung bleiben. Plastisch erzählte Schily von Waldorfinitiativen auch im Ausland, die er persönlich schon einmal besucht hatte, etwa von der ägyptischen Sekem-Farm oder der Waldorfschule für Roma-Kinder in der Nähe von Hermannstadt/ Siebenbürgen, für die er auch Geld gesammelt hat.
Nach etwa einer Stunde verliess ich sein Büro und fuhr mit dem Lift wieder die edel ausgestatteten Stockwerke dieses nur von Rechtsanwälten, Notaren und noblen Firmen bewohnten Hauses hinunter. Draussen auf dem Bürgersteig stand die grosse Limousine des Politikers, die scheinbar überall parken darf, in der die Bodyguards mit ihren Sonnenbrillen in der brütenden Mittagshitze schwitzten. Sie müssen auf ihren Chef warten, egal wo und wie lange und dann sofort wieder einsatzbereit sein, wenn er kommt. Eine Aura von Macht strahlte von dem Büro, dem Haus und dem Wagen aus, faszinierend und befremdlich zugleich. Er müsse jetzt schnell weiter, um mit ein paar russischen Kollegen noch ein bisschen Energiepolitik zu betreiben, hatte mir Schily zum Abschied gesagt und war dann gleich hinter den Akten auf seinem Schreibtisch verschwunden. Jetzt plötzlich fiel mir auf, wie müde seine Augen während des Gespräches manchmal auf mich gewirkt hatten und wie oft ich dabei an seinen ehemaligen aufreibenden Job als Innenminister denken musste. Ich dachte auch wieder an die Schilderung seiner Sekretärin von seinem vollen Terminplan sowie ihre vorsichtige Bemerkung: So ohne Privatleben könnte ich nicht leben, aber manche brauchen das wohl auch. Schily hatte zwar von der inneren Ruhe gesprochen, die ihm Steiners Schriften verschaffen, aber wirkte doch auch wie ein Getriebener und ein bisschen ausgebrannt. Fragen stiegen in mir auf, die zu stellen ich mich ihm gegenüber nicht getraut hatte: Warum zieht sich dieser intelligente und vielseitig interessierte Mann jetzt nicht mehr zurück, um sich philosophischen, künstlerischen und spirituellen Fragen zu widmen, statt von einer Konferenz zur anderen zu jagen? Warum geniesst jemand, der mit klugen Köpfen wie dem Quantenphysiker und Naturphilosophen Hans-Peter Duerr befreundet ist, nicht mehr Gespräche auf dieser Ebene, wo es um die die grossen Fragen statt immer nur um die politischen Alltagsgeschäfte geht? Zu persönlich und indiskret waren mir diese Fragen während des Gespräches erschienen, aber nun überlagerten sie vieles von dem, was Schily mir zur Anthroposophie gesagt hatte.
Ich fuhr am Berliner Reichstag vorbei, wo auch gerade wieder die Limousinen der Politiker anhielten und Fernsehteams auf ihre prominenten Interviewpartner warteten. Wo war hier die Anthroposophie? Wo waren hier spirituelle Gedanken, ja selbst spirituelle Dimensionen der Ökologie, wie sie die Grünen - denen Schily ja mal angehörte - vielleicht am Anfang einmal besessen hatten? Riesig ragte das massige Gebäude des Reichstages vor mir auf und ich musste an die zarten Hüllen denken, mit denen das Künstlerehepaar Christo vor einigen Jahren diesen Bau verpackt hatte. Vor allem im Abend- und Morgenlicht hatten sie fast wie riesige Libellenflügel gewirkt, die sich im Wind hin- und herbewegten. Sie hatten dem Ort etwas Offenes, Ätherisches und Geheimnisvolles verliehen, seine steinerne Härte in Frage gestellt und Bilder bereitgestellt, die bis heute andauern. In der Kunst waren die verschiedenen Bereiche von Politik und Spiritualität aufeinandergeprallt, hatten sich vermischt, gegenseitig beleuchtet und aneinander produktiv gerieben. Ob dies je in der Wirklichkeit auch so sein wird? Der Besuch bei Otto Schily - so interessant und anregend er war - hatte mir auf diese Frage keine Antwort geben können.