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Ich war erst unsicher, ob ich je einen Termin bei ihm bekommen würde,
aber nach einer schriftlichen Anfrage bei seinem Büro sagte Schily
zu meiner Überraschung doch relativ schnell zu. Dann aber dauerte
es lange, bis ich ihn endlich vor die Kamera bekam. Dreimal wurde der
Termin abgesagt, bis ich endlich an einem heissen Maitag 2007 in seine
Berliner Anwaltskanzlei eingeladen wurde.Ich betrat ein sehr grosses,
mit äusserst edlen Materialien eingerichtetes Büro-Apartment,
in dem Skulpturen des Malers Markus Lüpertz mit der Widmung "Für
Otto" standen und musste noch einmal zwei Stunden auf Schily warten.
Währenddessen unterhielt ich mich mit seiner Sekretärin, einer
schon etwas älteren, klugen und vornehmen Dame, die mir vom randvollen
Terminkalender ihres nun schon 75 jährigen Chefs erzählte, über
seine nahezu unerschöpfliche Energie und die Intelligenz seiner Bodyguards,
die in dieser Prominentenklasse immer "ganz besondere Persönlichkeiten"
seien. Zwischendurch versuchte sie Schily immer wieder übers Handy
zu erreichen, landete aber nur bei einem Begleitwagen des Bundesgrenzschutzes,
der immer der grossen schwarzen Limousine voranfährt und wir erfuhren,
dass er noch durch dieses oder jenes abgelenkt war, pünktlich zu
sein.
Endlich traf er ein, tatsächlich von zwei stämmigen Leibwächtern
in schwarzen Anzügen begleitet, begrüsste mich freundlich und
entschuldigte sich kurz für die Verspätung. Schily ist ein sympathischer,
intelligenter und uneitel wirkender Mann. Er stammt aus einer Anthroposophen-Familie,
aber hat sich doch im Laufe der Zeit eine ganz eigene Meinung zu diesem
Thema gebildet. Im Gespräch nannte er Steiner eine "Ausnahmepersönlichkeit
mit ungeheurem Wissen und Fähigkeiten", der ihm immer wieder
"interessante Denkübungen" zumute, aber er wies
auch daraufhin, dass er sich nicht unbedingt zu der anthroposophischen
Community zugehörig fühle. Er habe diesbezüglich kein "Gruppengefühl"
entwickeln können, sei also eher ein Aussenseiter, der aber viel
von Steiner gelesen und vor allem von dessen Arbeitervorträgen profitiert
habe. Interessanter wurde es, als ich Schily nach konkreten Berührungspunkten
von Anthroposophie und Politik befragte und es nach und nach schaffte,
ihn zu persönlicheren Aussagen zu bewegen. Schily gab zu, dass die
Geistwesen "Luzifer" und "Ahriman", mit denen
Steiner das Wesen des Bösen zu ergründen versuchte, auch für
ihn eine Realität darstellten, die er durchaus zuweilen in der Tagespolitik
wiedererkennen könne. Der zu Hybris neigende Feuerkopf Luzifer erscheine
dann z.B. im Fanatismus religiöser oder nationalistischer Fundamentalisten,
aus deren grossen, aber missgeleiteten Ideen dann sehr schnell Tod und
Verderben resultiere. Ahriman hingegen sei das "kalte Herz"
des ausschliesslich materiellen Denkens, in dem der Mensch leicht steckenbleiben
könne. Schily erzählte dazu einen Traum, in dem er den "schwarzen
Teufel" (so nannte er Ahriman im Gegensatz zum "roten
Teufel Luzifer") als dunkle Gestalt erblickt habe, der mit dem
Rücken zu ihm gestanden habe. Beim Umdrehen sei an der Stelle seines
Gesichtes nur ein schwarzes Loch zu sehen gewesen, in das er - Schily
- förmlich hineingestürzt sei. Noch heute überkomme ihn
bei der Erinnerung an diesen Traum eine Gänsehaut: ungewöhnliche
Momente in der Begegnung mit einem Politiker, aus dessen Munde man normalerweise
ganz andere Dinge gewöhnt ist. Schily warnte allerdings vor allzu
viel Simplifizierung bei der Vorstellung dessen, was "Luzifer"
und "Ahriman" darstellen. Keineswegs dürfe man sich Personen
mit Teufelsmasken o.ä. vorstellen, sondern müsse im Raum rein
geistiger Kräfte bleiben. Dabei musste ich an die grosse Skulptur
des "Menschheitsrepräsentanten" im Goetheanum bei Dornach
denken, wo Steiner diese beiden Wesen zusammen mit Christus in Holz plastiziert
hat. Ist ihm das wirklich gelungen oder hat er hier doch allzu realistische
Teufelsfiguren modelliert, die die Imagination eher schwächen als
beflügeln?
Von Luzifer und Ahriman führte das Gespräch notwendigerweise
zur Frage nach dem Sinn des Bösen in der Welt. Schily wusste
auch, dass Steiner die Existenz dieser Kräfte für die Erringung
der menschlichen Freiheit für notwendig hält, aber er tat sich
doch sichtlich schwer, das Böse philosophisch zu rechtfertigen. Musste
er dabei an Katastrophen wie Auschwitz denken, an die gelegentlich auch
von Esoterikern vorgenommene Erklärung des Holocaust als "Karma
des Judentums" und ähnliche Geschmacklosigkeiten? Vielleicht,
so versuchte er diesen Komplex abzuschliessen, müsse auf die Kinderfrage
"Warum" nicht immer eine Antwort stehen. An Steiner missfalle
ihm manchmal, dass er in allem und jedem einen Sinn sehen wolle.
Schily hat sich auch Gedanken zu den immer wieder erhobenen Antisemitismus-
und Rassismusvorwürfen gegenüber der Anthroposophie gemacht.
Er wies daraufhin, dass für ihn Steiner kein Antisemit sein könne,
weil er oft genug die geistige Tiefe des Judentums hervorgehoben und viele
dort auftauchende Gedanken als Vorläufer zu seiner Geisteswissenschaft
erklärt habe. Auch seien Unterscheidungen zwischen Kulturen und Rassen
nicht prinzipiell verwerflich; aus ihnen müssten nicht zwangsläufig
fürchterliche Verbrechen - wie z.B. die der Nazis - resultieren.
Es gäbe jedoch eine Stelle in Steiners Vorträgen, wo dieser
eine geistige Überlegenheit des Europäers gegenüber anderen
Kulturen angedeutet habe, was er - Schily - nach den Verbrechen des 20.
Jahrhunderts nicht verstehen könne. Hier, wie auch in manch anderen
Dingen, sehe er Steiner kritisch.
Viel Zustimmung zur Anthroposophie ergab sich beim Thema Tod und Reinkarnation,
wo Schily auch wieder Gedanken äusserte, die man von einem Politiker
nicht unbedingt erwartet. Nicht erst Steiners Texte hätten ihn zum
Nachdenken über eine etwaige Fortexistenz der Seele nach dem Tode
angeregt, sondern bereits ein Erlebnis als Jurastudent in den Seziersälen
der Gerichtsmedizin. Beim Anblick eines von Pathologen geöffneten
Leichnames habe er nach einiger Zeit gewusst: Das ist der Mensch nicht.
So wenig wie dieser allein durch Gen-Übertragung und Umwelt erklärbar
sei, so wenig durch blosse Reduktion aufs Materielle. Allein die Tatsache,
dass der tote Mensch rasch zerfalle und sich auch seine lebendige Gestalt
im Zell-Austausch ständig verändere, weise auf ein Etwas hinter
dem Materiellen hin, dass die die stofflichen Prozesse quasi von höherer
Warte beeinflusse. Äusserst empfindliche und sich selbstregulierende
Gleichgewichte von Temperatur und Säuregehalt existierten in unserem
Organismus, allein der Hüftknochen sei ein "Wunderwerk der Statik",
das kein Ingenieur nachbauen könne. Warum also sollten nicht hinter
dem physischen Leib noch andere feinstoffliche Leiber sowie das
Ich existieren, die erst im Zusammenwirken das ganz Mysterium des Lebens
ausmachten? Dass diese sich nach Tode ablösten und vielleicht wieder
neu inkarnierten, sei für ihn nicht nur ein sympathischer, sondern
durchaus auch plausibler Gedanke. Er böte auch Trost für die
Tragödien von Kindestod und Behinderung, die dadurch in ihrer niederschmetternden
Wucht ein wenig gedämpft werden könnten.
Sympathisch an Schily ist sein undogmatisches Herangehen an die Anthroposophie.
Er betont immer, das er über keine besonderen übersinnlichen
Erkenntniskräfte verfüge, aber ist der Überzeugung, dass
Anthroposophie auch nicht nur geglaubt werden solle. Besser sei ein gewisses
Vertrauen in die Plausibilität bestimmter Gedankengänge Steiners,
die man allerdings selbst nachdenken und nicht als feste Vorgaben akzeptieren
müsse. Auch die Heisenbergsche Unschärferelation könnten
99% der Menschen niemals restlos rational rekonstruieren, aber man könne
in die Sorgfalt der Forscher vertrauen und sie als Denkmodell auf sich
wirken lassen.
Interessant waren auch Schilys Ausführungen zur Waldorfpädagogik,
die er in ihren Grundzügen für eine den Staatsschulen mindestens
ebenbürtige Erziehungspraxis hält. In diese Beurteilung spielen
auch persönliche Erlebnisse hinein, etwa die Schwierigkeiten, die
die ganz spezifische Intelligenz seines Bruders Konrad in einer Staatsschule
erleiden musste, der er aber dann in einer Waldorfschule aufgeblüht
sei. Epochenunterricht, früher Fremdsprachenerwerb, künstlerische
und praktische Betätigung, all das schätze er hoch ein, aber
auch die Waldorfschulen dürften sich nicht ausruhen auf dem einmal
Praktizierten, sondern müssten sich der Forschung öffnen und
in kreativer Bewegung bleiben. Plastisch erzählte Schily von Waldorfinitiativen
auch im Ausland, die er persönlich schon einmal besucht hatte, etwa
von der ägyptischen Sekem-Farm oder der Waldorfschule für
Roma-Kinder in der Nähe von Hermannstadt/ Siebenbürgen,
für die er auch Geld gesammelt hat.
Nach etwa einer Stunde verliess ich sein Büro und fuhr mit dem Lift
wieder die edel ausgestatteten Stockwerke dieses nur von Rechtsanwälten,
Notaren und noblen Firmen bewohnten Hauses hinunter. Draussen auf dem
Bürgersteig stand die grosse Limousine des Politikers, die scheinbar
überall parken darf, in der die Bodyguards mit ihren Sonnenbrillen
in der brütenden Mittagshitze schwitzten. Sie müssen auf ihren
Chef warten, egal wo und wie lange und dann sofort wieder einsatzbereit
sein, wenn er kommt. Eine Aura von Macht strahlte von dem Büro, dem
Haus und dem Wagen aus, faszinierend und befremdlich zugleich. Er müsse
jetzt schnell weiter, um mit ein paar russischen Kollegen noch ein bisschen
Energiepolitik zu betreiben, hatte mir Schily zum Abschied gesagt und
war dann gleich hinter den Akten auf seinem Schreibtisch verschwunden.
Jetzt plötzlich fiel mir auf, wie müde seine Augen während
des Gespräches manchmal auf mich gewirkt hatten und wie oft ich dabei
an seinen ehemaligen aufreibenden Job als Innenminister denken musste.
Ich dachte auch wieder an die Schilderung seiner Sekretärin von seinem
vollen Terminplan sowie ihre vorsichtige Bemerkung: So ohne Privatleben
könnte ich nicht leben, aber manche brauchen das wohl auch. Schily
hatte zwar von der inneren Ruhe gesprochen, die ihm Steiners Schriften
verschaffen, aber wirkte doch auch wie ein Getriebener und ein bisschen
ausgebrannt. Fragen stiegen in mir auf, die zu stellen ich mich ihm gegenüber
nicht getraut hatte: Warum zieht sich dieser intelligente und vielseitig
interessierte Mann jetzt nicht mehr zurück, um sich philosophischen,
künstlerischen und spirituellen Fragen zu widmen, statt von einer
Konferenz zur anderen zu jagen? Warum geniesst jemand, der mit klugen
Köpfen wie dem Quantenphysiker und Naturphilosophen Hans-Peter Duerr
befreundet ist, nicht mehr Gespräche auf dieser Ebene, wo es um die
die grossen Fragen statt immer nur um die politischen Alltagsgeschäfte
geht? Zu persönlich und indiskret waren mir diese Fragen während
des Gespräches erschienen, aber nun überlagerten sie vieles
von dem, was Schily mir zur Anthroposophie gesagt hatte.
Ich fuhr am Berliner Reichstag vorbei, wo auch gerade wieder die Limousinen
der Politiker anhielten und Fernsehteams auf ihre prominenten Interviewpartner
warteten. Wo war hier die Anthroposophie? Wo waren hier spirituelle Gedanken,
ja selbst spirituelle Dimensionen der Ökologie, wie sie die Grünen
- denen Schily ja mal angehörte - vielleicht am Anfang einmal besessen
hatten? Riesig ragte das massige Gebäude des Reichstages vor mir
auf und ich musste an die zarten Hüllen denken, mit denen das Künstlerehepaar
Christo vor einigen Jahren diesen Bau verpackt hatte. Vor allem im Abend-
und Morgenlicht hatten sie fast wie riesige Libellenflügel gewirkt,
die sich im Wind hin- und herbewegten. Sie hatten dem Ort etwas Offenes,
Ätherisches und Geheimnisvolles verliehen, seine steinerne Härte
in Frage gestellt und Bilder bereitgestellt, die bis heute andauern. In
der Kunst waren die verschiedenen Bereiche von Politik und Spiritualität
aufeinandergeprallt, hatten sich vermischt, gegenseitig beleuchtet und
aneinander produktiv gerieben. Ob dies je in der Wirklichkeit auch so
sein wird? Der Besuch bei Otto Schily - so interessant und anregend er
war - hatte mir auf diese Frage keine Antwort geben können.
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