"GEHEIMES DEUTSCHLAND"


Die geistigen Wurzeln des Hitler-Attentäters Claus von Stauffenberg

von Rüdiger Sünner

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Auf der Internetseite der "Gedenkstätte Deutscher  Widerstand" zu Claus Graf von Stauffenberg findet sich nur eine ganz kurze Notiz über die geistigen Hintergründe des Attentäters, etwa sein Verhältnis zu dem Dichter Stefan George. Stauffenberg, so heißt es dort, habe sich immer wieder auf einzelne Verse des Lyrikers besonnen, die ihm als Maximen seines Handelns dienten. (1) Der Begriff "Geheimes Deutschland", der in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle spielte, fehlt ganz. Das Verhältnis des Soldaten zu dem Dichter war aber von weit größerer Bedeutung als es diese kurzen Bemerkungen nahelegen.

Bis heute ist es schwer, diese eigenartige Beziehung wie auch den Begriff "Geheimes Deutschland" mit wirklich konkreten Inhalten zu füllen. Dies zu versuchen ist aber umso interessanter, als es nicht nur tief in die komplexe Geschichte des Dritten Reiches hineinführt, sondern auch belegt, daß spirituelle und mythologische Motive nicht nur in die NS-Ideologie hineinspielten, sondern auch in die Gedankenwelt des Widerstandes. Manchmal stehen beide auch in fast erschreckender Nähe beieinander und es bedarf eines beträchtlichen Differenzierungsvermögens, um sie dennoch auseinanderzuhalten.

Claus von Stauffenberg kam bereits im Mai 1923, also mit 16 Jahren, in den Kreis um den Dichter Stefan George, in dem sich junge Künstler, Bohémiens und Schöngeister versammelt hatten, um in einer Art "aristokratischen Opposition" gegen Materialismus, Konsumideologie und saturiertes Bürgertum ihrer Zeit zu protestieren. Einige Mitglieder waren übrigens auch Juden, da George keine grundsätzlichen Aversionen gegenüber ihrer Kultur und ihrem Glauben kannte. (2) Man traf sich zu fast konspirativen Versammlungen und lauschte dem feierlichen Ton des Meisters, der sich als Nachfolger Hölderlins verstand und in kryptischen Gedichten Götter, Helden und Sagengestalten vergangener Epochen beschwor.


Hierbei ging es weniger um germanische Vorzeit, wie in den völkisch-ariosophischen Gruppierungen dieser Jahre, sondern die griechische Antike diente als Vorbild einer von Geist erfüllten Welt, in der noch Natur und Götter geehrt wurden und wenige Einzelne statt der Masse Politik und Kulturleben bestimmten. Die Gedichte umrissen einen Kosmos von mythologischen Figuren und großen Naturbildern, sangen von einem "gelobten land im duft der sagenferne", wie es George einmal in einer Dichtung über den Maler Arnold Böcklin beschrieb. Dieser habe sich mit seiner Kunst - wie George selbst - gegen die "hässlich eitle hast" und "des alltags frechen jubel" gestellt und als eine Art  Wächterfigur verhindert, "dass uns in kalter zeit das heilige feuer losch". (3) Solche Töne, vor allem wenn sie von dem charismatischen Dichter selbst vorgetragen wurden, begeisterten die jungen Männer und Stauffenberg begann auch selbst Gedichte zu schreiben, in denen er ähnliches formulierte:

"Ich wühle gern in alter helden sagen und fühle mich verwandt so hehrem tun und  ruhmgekröntem blute. Ich könnte nicht die alten zeiten missen, wo wäre denn daß ich mein  leben schaute, wenn nicht in höchster sein?" (4)

Dieser Kosmos von Idealen bestand neben der griechischen Antike auch aus Kunst und Kultur des deutschsprachigen Raumes: die Heldensagen um Siegfried und Dietrich von Bern, die Stauferkaiser, das mittelalterliche Rittertum, der "Bamberger Reiter" und das Rolandslied zählten dazu, ebenso große Künstler und Philosophen wie Hölderlin, Goethe, Herder und Nietzsche. Ein gemeinsamer Nenner all dieser Elemente ist nicht leicht zu finden: heldenhafte Gesinnung, mutiges Einstehen für moralische Werte zählen wohl dazu, Selbstlosigkeit, die Kraft, gegen den Strom zu schwimmen sowie ein ganzheitliches Menschenbild, wie es in der Antike und in der deutschen Klassik propagiert worden war: "das runde, vollkommene, nach allen seiten richtig aus- und durchgebildete, das gleichgewichtige in bestreben und können (in persönlichkeit und leistung) sollte erreicht und verwirklicht werden." (5)


Das Konzept "Geheimes Deutschland" war nicht stur national oder gar rassistisch orientiert. Der jüdische Dichter und George-Anhänger Karl Wolfskehl, der das eindrucksvolle Motto 1910 prägte, nannte das Rassenprinzip "banausisch" und von "naturwissenschaftlicher pseudo-exaktheit": "als ob der 'ganz besondere Saft' bio-chemisch zu enträtseln wäre!" (6) Aber trotz allem Respekt vor den Kulturleistungen anderer Länder sah man in der deutschen Kultur ein besonderes geistiges Potential angelegt, das in der Geschichte immer wieder zerstreut worden sei und sich im Gegensatz zu Frankreich oder Italien nie zu einem wirklichen Kräftestrom hätte bündeln können. Dies sei aber nun an der Zeit: Das "Geheime Deutschland" - so Wolfskehl - rege sich "unter dem wüsten oberflächenschorf noch halb im traume" und wolle "aus seiner berg- und höhlenentrückung herauf ... ans licht" (7).


Mit diesen Zeilen wird auch auf die Legenden um König Barbarossa bzw. Karl den Grossen angespielt, wonach diese nie richtig gestorben seien, sondern in unterirdischen Bergkammern auf eine Rückkehr warteten.

"Geheimes Deutschland" war auch der Titel eines Gedichtes von George. Dort wurde ein Weltbild aus älterer Zeit beschworen, das in "tiefinnerstem schacht weihlicher erde noch ruht" und gegen eine Zeit gestellt, in der sich der Materialismus ("unersättliche gierde") mit imperialistischem Gebaren schon bis in fernste Weltgegenden ("Wüste" und "Jurten") ausgebreitet habe. George schwelgt in diesem Gedicht nicht nur in weltentrückter Träumerei, sondern fordert die Verbindung von Idealen mit gegenwärtiger Realität:

"Fittiche des sonnentraums, streiche nun nah am grund!" (8)

Stauffenberg nahm sich dies so zu Herzen, daß er selber eine Vision zukünftigen Handelns beschwor:

"Und je klarer das Lebendige vor mir steht .
 je höher das Menschliche sich offenbart .
 und je eindringlicher die tat sich zeigt .
 umso dunkler wird das eigene blut .  
 umso ferner wird der klang eigner worte
 und umso seltener der sinn des lebens .
 wol bis eine stunde in der härte des schlages
 und in der größe ihrer erscheinung das zeichen gebe."
(9)

Ein Plädoyer für die Bereitschaft zu einer aus hohen Idealen gespeisten Tat und für die Rücknahme des eigenen Selbst im Dienste einer von der Allgemeinheit geforderten Mission, die der 18-Jährige in fast erschreckender Klarheit schon vor sich sieht.

Ein großes Vorbild in diesem Pantheon deutsch-europäischen Geistes war auch der Stauferkaiser Friedrich II., über den ein Mitglied des George-Kreises eine umfassende Biographie schrieb und an dessen Grab in Palermo man 1924 einen Kranz niederlegte. Auf seiner Schleife stand geschrieben: "Seinen Kaisern und Helden - das Geheime Deutschland." (10)
In Friedrich II. (1194-1250), dem Enkel von "Barbarossa", vereinigten sich Traditionen der Hohenstaufen und der Normannen. Geboren in Italien und gekrönt in Aachen, schuf er in Sizilien einen fast multikulturellen Beamtenstaat, in dem auch jüdische und arabische Kultur einen wesentlichen Einfluß ausübte. Für die Jünger des George-Kreises verkörperte er den seltenen Typ eines auch künstlerisch und spirituell interessierten Staatsmannes, der ebenfalls ein Gefühl für soziale Anliegen hatte. Nicht nur begründete er die erste rechtsstaatliche Ordnung Europas, sondern auch die Universität Neapel und eine medizinische Hochschule, in der mittellose Kranke umsonst behandelt wurden. Daneben errichtete er eine Dichterschule, die Anregungen des provenzalischen Minnegesangs weiterbildete und komponierte auch selbst. Besonders gerne beschäftigte er sich mit Mathematik, Alchemie und Astrologie und errichtete in Apulien eine achteckige Burg, in deren Grundriß symbolische Zahlenkombinationen und geometrische Figuren hineinverwoben wurden: das "Castel del Monte", eines der seltsamsten Gebäude, das jemals errichtet wurde und das wohl eine Art irdisches Spiegelbild für kosmische Strukturen und Geheimnisse darstellen sollte. (11)


Das Achteck bildet den Grundriß vieler Sakralgebäude auf der ganzen Welt und man findet es sowohl in heidnischen Tempeln als auch in Gotteshäusern der christlichen, buddhistischen und islamischen Religion. Das indische Taj Mahal kennt diese Struktur ebenso wie das römische Pantheon, die Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen, San Vitale in Ravenna oder die "Halle der höchsten Harmonie" im Kaiserpalast zu Peking. Friedrich II. hatte die Konstruktion des Achtecks im Felsendom von Jerusalem gesehen, den er 1229 während eines Kreuzzuges besucht hatte.

Im Mittelalter waren Zahlen keine bloß quantitativen Entitäten wie heute, sondern drückten spirituelle Ideen aus. Die Acht galt als Vermittlerin zwischen dem das Irdische symbolisierenden Quadrat (4 Jahreszeiten, 4 Himmelsrichtungen, Luft, Feuer, Wasser, Erde) und dem Kreis, der für Ewigkeit und Vollkommenheit stand. Ein achteckiges Gebäude war also eine Brücke zwischen materieller und göttlicher Welt und der darin wohnende Herrscher ein Vermittler zwischen diesen Sphären. Auch Friedrich II. verstand sich als ein solcher und seine Idee des "Reiches" war nicht nur eine geographische Umgrenzung, sondern bezog sich auf die Realisierung göttlicher Ideen auf Erden.

Obwohl er durchaus christlichem Gedankengut verpflichtet war, geriet Friedrich II. durch sein umfassendes Wissen und seinen fragenden Geist immer wieder in scharfen Konflikt zum dogmatischen Papsttum seiner Zeit, das ihn mehrmals als "Ketzer" beschuldigte. Für Stauffenberg aber, dessen Familie sich auf die Staufer zurückführte, war gerade er ein idealer Vertreter christlicher Herrschaft, der im Auftrag Gottes eine - für die damalige Zeit - gerechte und vielseitig ausgebildete Ordnung im Diesseits errichten wollte: Vorbild übrigens auch für Stauffenbergs eigene Definition von "Reich" und "Führer".

  Ein weiterer Eckpfeiler des "Geheimen Deutschland" war der Deutschritterorden im ehemaligen Ostpreußen, deren imposante Festung Marienburg Stauffenberg 1937 auf einer Ostpreußenreise aufsuchte und ein "spätes, aber echtes Zeugnis des Reiches" nannte. (12) Auch hier verband sich politische Führung mit spiritueller Haltung. Die Bewohner der Marienburg waren eine Art "Rittermönche" gewesen, die mit Schwert und Kreuz den Gedanken der christlich-abendländischen Sendung in die Welt hinausgetragen hatten. Auch Heinrich Himmler bewunderte diesen Orden und ernannte ihn zu einem der Vorbilder für die SS (13) - eine irritierende Parallele zum Weltverständnis des künftigen Hitler-Attentäters, die aber auch zeigt, wie vielfältig religiös-mythische Ideale ausdeutbar sind.

Himmler und Stauffenberg liebten beide die Idee eines "spirituellen Kriegertums", das für Werte statt für Profit und reinen Machterhalt kämpfen sollte. Für Stauffenberg aber hätte die Verteidigung deutscher Kultur nie Auschwitz legitimiert und ein frühes Zitat deutet an, daß er auch einen anderen Begriff von "Härte" hatte als Himmler. Während für diesen der diszipliniert ausgeführte Massenmord an Juden, Zigeunern, Homosexuellen und Behinderten dazugehörte, definierte Stauffenberg Härte hauptsächlich als geistige Disziplin und Treue gegenüber den eigenen Idealen:

"die härte liegt im gleichmässigen vorwärtsschreiten trotz des eignen zweifels . im unbedingten gehorsam sich selbst gegenüber . in der disziplin nur auf eines zu achten". (14)

Auch Stefan George verherrlichte die Idee edler Ritterorden, etwa in dem Gedicht "Templer". Aber obwohl er dort mit heroischem Pathos von "stolz ertragnen leiden" und "wildem sturm der liebe" spricht, finden sich bei ihm keine Vernichtungsphantasien wie in der Templermystik des Jörg Lanz von Liebenfels, die Himmler und Hitler beeinflußte. Bei George kommt der Nachwuchs der spirituellen Ritter sogar "nie aus unsrem Stamme" und sie sind keine willfährigen Handlanger der Herrschenden, sondern schlagen auch "lärm am thron". (15) Ähnlich war auch das aristokratische Selbstverständnis des "Kriegers" Stauffenberg: nicht als Untertan einer Diktatur zu funktionieren, sondern als freiwilliger und wacher Staatsdiener, woraus sich unter Umständen auch die Verpflichtung zur Verteidigung des Staates gegen seine Führer ergeben konnte. (16) Eine ähnliche Gesinnung vertraten übrigens zahlreiche seiner Weggefährten im Widerstand, von denen auch einige aus adeligen Familien kamen.

Heldisch-idealistische Gesinnung war also ein wichtiges Element im Kreise des "Geheimen Deutschland", ebenso Pathos und Beschwörung von Selbstlosigkeit und Tapferkeit. Aber es gab auch Grenzen. So kritisierte Stauffenberg etwa die übertriebene Verklärung des Opfertodes, wie sie in Bezugnahme auf den germanischen "Walhall"- Mythos in den "Vier Reden über das Vaterland" von Friedrich Wolters gefordert wurde. In diesem Traktat werden sogar Mord und Selbstmord als legitime Mittel gorifiziert, um in Odin's Gemeinschaft der Heldensöhne aufgenommen zu werden: eine an Nihilismus grenzende Emphase, die Stauffenberg "unangenehm" berührte und mit seinem Verständnis des Soldatentums nichts zu tun hatte. (17)

Bis heute ist es nicht einfach, sich Stauffenberg innerhalb des männerbündlerischen und zuweilen derben Alltags einer Kaserne vorzustellen. Der Adelssproß, der kein NSDAP-Mitglied war, lauten Vergnügungen fernblieb und am Abend Cello übte oder Gedichte las, muß ein Außenseiter gewesen sein, den man gleichwohl wegen seiner Loyalität, Intelligenz und Tapferkeit respektierte. In einer Beurteilung durch einen Vorgesetzten werden zwar seine geistigen Anlagen und taktischen Fähigkeiten gelobt, aber auch bemängelt, daß er "zu salopp in Haltung und Anzug" sei. Demgegenüber zeige er "viel Interesse für soziale, geschichtliche und religiöse Zusammenhänge". (18)

Obwohl Stauffenberg zunächst vieles an der nationalsozialistischen Ideologie bejahte, etwa den völkischen Gedanken und eine scheinbar idealistische statt materialistische Grundhaltung, blieb er auf Distanz zu Partei und SS. So wollte er den deutschen Konsul in Italien 1933 nicht bei der Totenfeier für Stefan George dabeihaben und gab eine falsche Zeit an, um ihn von dem intimen Ereignis fernzuhalten. Als dennoch ein großer Lorbeerkranz der Reichsregierung eintraf, entfernte man das Band mit dem Hakenkreuz und nähte selbst einen neutraleren Ersatz. (19) Im März 1934 entwarf Stauffenberg sogar einen Brief an das Propagandaministerium, um gegen die Behauptung des antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer" zu protestieren, Georges Dichtung sei jüdischer Dadaismus und George solle in Wirklichkeit Heinrich Abeles geheißen haben. "Da so leicht Irrtümer und Disziplinwidrigkeiten untergründiger Nazi zum Staatsgesetz erhoben oder doch als solches angesehen werden", schrieb er an seinen Bruder, sei es einmal an der Zeit, "sie selbst auf sich zu hetzen." (20) Der "Stürmer" wurde in Soldatenkreisen weithin abgelehnt und noch 1938 schloß ihn das Oberkommando des Heeres von den für die Truppe geeigneten Zeitschriften aus. Als Streicher 1934 in einer Rede vom angeblich perversen Sexualleben der Juden sprach, verließen Stauffenberg und sein Regimentskamerad Bernd von Pezold demonstrativ den Saal durch den Mittelgang. (21)

Bereits 1936 verkehrte der spätere Hitler-Attentäter mit Mitgliedern des Widerstands in der Dahlemer Villa Peter Graf Yorck von Wartenburgs, darunter Fritz Dietlof von der Schulenburg und Adam von Trott zu Solz. Aber die Zeit schien noch zu früh für seine Mitwirkung an einem organisierten Aufstand zu sein. Als Stauffenberg jedoch 1939 davon erfuhr, daß ein ihm gut bekannter Offizier zwei Polinnen wegen angeblicher Signalübermittlung mittels Taschenlampen erschießen ließ, recherchierte er dem Fall hinterher. Es stellte sich heraus, daß die Frauen geistig beschränkt waren und solche Aktionen gar nicht durchführen konnten, worauf Stauffenberg den verantwortlichen Offizier vor ein Kriegsgericht brachte, das seine Degradierung aussprach. (22) Dieser Vorfall wirft Licht auf seine menschliche Gesinnung und die Überzeugung, daß es auch im Krieg Recht geben müsse, wenn bestimmte Begriffe von "Ehre" nicht beschmutzt werden sollten.

Konkrete Umsturzgedanken kommen erst im Januar 1939 auf, als er sich mit einem Freund während eines Winterspazierganges darüber unterhält, ob sich die Wehrmacht die Vorgänge der Kristallnacht bieten lassen solle. "Umsturz" bedeutete hier aber nicht die Einführung von Demokratie, sondern die in einer soldatisch-aristokratischen Tradition angesiedelte Überlegung, ob nicht das Heer die Führung des Staates ohne Hitler übernehmen solle. Stauffenberg nannte zu dieser Zeit das Regime des Dritten Reiches bereits "die braune Pest": eine Bande von machtbesessenen Kleinbürgern, der er als "Adeliger" nicht mehr länger dienen konnte. (23)

Solche Details machen es den Nachgeborenen leichter, die immer wieder gestellte Frage zu verstehen, warum das Attentat erst so spät geschah. Es lag nicht nur an dessen risikoreicher Ausführung, sondern auch an grundsätzlichen Einstellungen zum Wesen des Soldatentums, die uns heute eher fremd sind. Man hoffte sogar, die Wehrmacht könne im Strom zukünftiger Siege "das Gesetz des Handelns an sich reißen." (24) Militärische Niederlagen dämpften jedoch diese Euphorie, so etwa die riesigen Verluste des Rußlandfeldzuges. Als Stauffenberg davon hörte, daß sowjetische Kriegsgefangene wie Vieh auf dem Gesäß tätowiert werden sollten, verhinderte er diese Maßnahme und trat dem verantwortlichen General mit einer sarkastischen Bemerkung entgegen: Falls er ihn demnächst in Berlin auf der Strasse träfe, würde er ihn auffordern, die Hosen herunterzulassen, um zu sehen, ob er kein verkappter russischer Kriegsgefangener sei. (25)

Im Mai 1942 erfährt Stauffenberg das erstemal etwas von Gräueln und Massakern gegenüber der Zivilbevölkerung im Osten. Ein Augenzeuge berichtet ihm, wie SS-Leute in der Ukraine Juden vor ihrer Erschießung zur Aushebung des eigenen Massengrabes gezwungen hätten. (26) Obwohl - wie einige Autoren meinen - Stauffenberg gewisse antisemitische Klischees seiner Zeit teilte und für eine Beschränkung jüdischen Einflusses in Politik, Wirtschaft und Kultur plädierte, waren ihm solche Exzesse zuwider. (27) Trotz einer schweren Kriegsverletzung in Afrika, bei der er eine Hand und ein Auge verlor, begann er im September 1943 mit ersten konkreten Planungen zum Staatstreich, für die er auch Sozialdemokraten und Gewerkschaftsführer gewinnen konnte. In den diesbezüglichen Sitzungen zitierte er immer auch George-Verse, in denen z.B. gefordert wird, sich von "Schande" zu reinigen, die "Fessel des Fröners" vom Nacken zu schleudern und wieder "im geweide den hunger nach ehre" zu spüren. Es sei endlich Zeit, daß sich ein Volk "aus feigem erschlaffen sein selber erinnert der kür und der sende ... dann flattert im frühwind mit wahrhaftem zeichen die königsstandarte und grüßt sich verneigend die Hehren, die Helden!" (28)

Weniges erzählt mehr von dem uns heute so ferngerückten Geist dieser Zeit, als das Pathos dieser Zeilen. Es wäre durchaus auch von SS-Führern geschätzt worden, hätte man in die Verse z.B. das heroische Abschütteln "jüdisch-christlicher Fremdherrschaft " hineininterpretiert.

Die Lyrik George's bot auch drastische Bilder zur Charakterisierung des Gegners, etwa in dem Gedicht "Der Widerchrist", das Stauffenberg in dieser Zeit häufig zitierte. Dort ist die Rede von einem gespenstischen Menschen-Fischer, dem sowohl "Weise" als auch "Toren" hinterherlaufen, die alle in einem Zug von entfesselter Tollheit Bäume entwurzeln und Kornfelder niederstampfen:

"Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich .
kein schatz der ihm mangelt . kein glück, das ihm weicht .
zu grund mit dem rest der empörer!
Ihr jauchzet - entzückt von dem teuflichen schein .
verprasset was blieb von dem früheren seim
und fühlt erst die not vor dem ende.
Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog .
irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof .
und schrecklich erschallt die posaune."
(29)

Man kann sich vorstellen, daß Stauffenberg solche Bilder mit auf den Obersalzberg nahm, wo er am 7. Juni 1944 Hitler, Keitel, Himmler, Speer und den geschminkten Göring traf: ein Schattenkabinett in einer "faulen und verrotteten Atmosphäre", dessen Mitglieder auf ihn - außer Speer - wie "Psychopathen" wirkten. (30)

Die restlichen Fakten sind bekannt: Am 20. Juli 1944 startet Stauffenberg um 8 Uhr morgens mit einer Maschine von Berlin nach Ostpreußen, um endlich das lange geplante Attentat zu begehen. In einer Lagebesprechung mit Hitler gegen 12.30 Uhr plaziert er die Aktentasche mit der Bombe unter einem Tisch in seiner Nähe, kommt aber nicht nahe genug an ihn heran. Da die Tischplatte außerdem aus massivem Eichenholz ist, bleibt der Diktator am Leben. Stauffenberg denkt jedoch, daß das Attentat erfolgreich war, fliegt nach Berlin zurück und verbreitet das Gerücht vom Tode Hitlers. Er beginnt mit der Organisation des Umsturzes, doch bald kommen von der Wolfsschanze gegenteilige Meldungen. Stauffenberg und einige seiner Mitstreiter werden verhaftet und um Mitternacht im Hofe des Bendlerblockes erschossen. Die Leichen wirft man auf einen Lastwagen und verscharrt sie auf einem nahegelegenen Friedhof. Aber Himmler gibt noch in der Nacht den Befehl, sie wieder auszugraben, zu verbrennen und ihre Asche zu zerstreuen."Auf die Rieselfelder!", fügte Göring - den Befehl noch übertrumpfend - hinzu. (31) Stauffenberg soll kurz vor dem tödlichen Schuß noch gerufen haben: "Es lebe das heilige Deutschland!" (32) Andere Zeugen wollen gehört haben: "Es lebe das geheime Deutschland!"

Bei einem Besuch des Hinrichtungsortes, der in einem kasernenartigen Innenhof in Berlin-Tiergarten liegt, versuchte ich mir Konkretes und Atmosphärisches vorzustellen: Wie starb er? Innerlich gefestigt oder unruhig? Was genau hatte er mit seinen letzten Worten gemeint? Ich wurde in meiner Meditation durch lärmende Touristen gestört, die mit Fotoapparaten zu der Exekutionsmauer vordrangen und sich dort in bemühten Posen von ihren Reisebegleitern ablichten ließen.


Ein tragisches Ende. Eine mutige Tat. Doch wir wollen es uns am Schluß noch einmal schwer machen.

Im offiziellen Gedenken Deutschlands ist Stauffenberg zu einer Art Lichtgestalt geworden, zu einem Rebell in schwieriger Zeit, der das wagte, wozu viele andere keinen Mut aufbrachten. Solche Bewertung ist verständlich. Sie entlastet ein wenig vom erdrückenden Schatten der Vergangenheit und macht deutlich, daß nicht das gesamte deutsche Volk nur eine willige Herde von Mitläufern war.

Doch müssen wir uns abschließend noch einem Text aus Stauffenberg's Nachlass stellen, der erst 1992 komplett veröffentlicht wurde (33) und programmatisch umreißt, wie er sich das "Geheime Deutschland" nach einem geglückten Putsch vorgestellt hätte. Es handelt sich um den in sieben Thesen formulierten "Schwur", der die Widerstandskämpfer zu einer festen - auch spirituellen - Einheit verschmelzen sollte. Darin heißt es z.B.:

"Wir glauben an die Zukunft der Deutschen. Wir wissen im Deutschen die Kräfte, die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen.

Wir bekennen uns im Geist und in der Tat zu den grossen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf.

Wir wollen eine Neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge und beugen uns vor den naturgegebenen Rängen.

Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahebleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück und sein Genüge findet und in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides und der Missgunst überwindet.

Wir wollen Führende, die aus allen Schichten des Volkes wachsend, verbunden den göttlichen Mächten, durch grossen Sinn, Zucht und Opfer den anderen vorausgehen ..."
(34)

Zu meinem Erstaunen fand ich dieses Dokument nicht in dem Stauffenberg-Raum der sonst so ausführlich bestückten Berliner "Gedenkstätte Deutscher Widerstand". Wollte man Komplikationen vermeiden, eine Trübung des antifaschistischen Helden, wo Deutschland doch nur so wenige davon hat?

Als ich mehrere Schulklassen dort beobachtete, stellte ich mir die Schwierigkeiten eines Lehrers vor, seiner multikulturellen und aus verschiedenen sozialen Schichten bestehenden Klasse diesen Text zu erklären. Würde er ihn abtun und von überholter Sprache und zeitgebundenen Anschauungen sprechen? Wie würde er den Jugendlichen klarmachen, daß Stauffenberg vermutlich für die Realisierung dieser Thesen mit derselben Leidenschaft gekämpft hätte wie für die Durchführung des Tyrannenmordes?

Was würde ein junger Türke zu der Behauptung sagen, daß die Deutschen das "abendländische Menschentum" nicht nur schufen, sondern auch die Aufgabe haben, andere Völker "zu schönerem Leben" zu führen? War Stauffenberg doch ein Chauvinist, der zwar nicht mit dem "Psychopathen" Hitler einig werden konnte, aber nach dessen Beseitigung doch für eine "deutsche Leitkultur" plädiert hätte? Stoff für eine interessante Diskussion, dachte ich: Schade, daß sie durch das Verschweigen des "Schwurs" den Besuchern vorenthalten wird.

Wir wollen selber eine Deutung versuchen, um das Paradoxe in den Griff zu bekommen.

Immerhin spricht Stauffenberg nicht vom Sieg des "arischen Herrenmenschen", sondern von einem "schöneren Leben", zu dem die anderen Völker geführt werden sollen. Obwohl das Dritte Reich genug Barbarei durch höchste Ideale rechtfertigte, klingt dies eher nach Kunst und Kultur als nach Rassenzucht oder Selektion. Vielleicht spielt es auf den Gedanken der universalen Entfaltung aller Kräfte im Menschen an, wie er von Schiller, Goethe und selbst vom jungen Marx formuliert wurde. Karl Wolfskehl, Mitstreiter Stauffenberg's im Kreise des "Geheimen Deutschland", hatte in seinem programmatischen Essay von solchen Zielen gesprochen: von "harmonischen" und "ebenmässigen" Zuständen der "schönen grossen seele", von dem "runden, vollkommenen, nach allen seiten richtig aus- und durchgebildeten" Menschen. (35) Wie dies konkret ausgesehen hätte, wissen wir nicht. Aber Stauffenberg hätte Hitler nicht zu töten versucht, wenn er die Eliminierung  von "Untermenschen" zur Durchsetzung dieser Idee gutgeheissen hätte.

Eine andere Stelle des "Schwures" gesteht zwar jedem Deutschen zu, Träger des Staates zu werden, aber spricht auch von der Verachtung der "Gleichheitslüge" und der Verbeugung vor den "naturgegebenen Rängen". Solche Begriffe sind heute tabubeladen und wer sie in den Mund nimmt, gilt als antidemokratisch oder schlimmeres.

Dabei weiß jeder, daß die Menschen nicht gleich sind, selbst wenn man im Gefolge des Christentums oder der Aufklärung die gleiche Würde jedes Individuums vor Gott anerkennt. Jeder würde zustimmen, daß man zum Besteigen eines Berges einen Bergführer und zum Erlernen eines Instrumentes einen Lehrer braucht und daß es in jeder Berufssparte Menschen gibt, die zur Führung geeigneter sind als andere. Genauso ist jedem klar, daß die Auflagenhöhe einer Zeitung kein Indiz für ihre Qualität darstellt und daß es merkwürdig ist, abstrakten Zuschauerquoten die alleinige Macht über das Niveau von Fernseh- und Kinoprogrammen zu geben.

Trotzdem wirkt die von Stauffenberg angesprochene Skepsis gegenüber der Masse und ihren Entscheidungen gerade in Deutschland immer noch heikel. Ein kleiner Exkurs mag dies verdeutlichen:

In einer der Sendungen von Marcel Reich-Ranicki's "Literarischem Quartett" stritten die Teilnehmer erregt über das Buch "Die Fehler des Kopisten" von Botho Strauss, in dem sich der provozierende Satz findet: "In seinem Herzen ist niemand Demokrat." (36) Als Sigrid Löffler Strauss wegen dieser "rückständigen" Äusserung empört attackierte, wurde dieser unverhofft vom damaligen Spiegel-Redakteur Helmuth Karasek - ebenso erregt - in Schutz genommen. Ob sie - Frau Löffler - schon einmal in einer S-Bahn mitten unter Hunderte von betrunkenen und herumpöbelnden Fußballfans geraten sei, die nichts und niemanden außer ihrem momentanen Rausch respektierten? Ihm sei dies vor ein paar Tagen passiert und er habe spontan verstanden, was Botho Strauss meine. Ein in der gegenwärtigen Medienlandschaft nicht gerade alltägliches Statement, das aber zeigt, wieviel Zündstoff nach wie vor in den oben genannten Thesen steckt.

Stauffenberg hat im Originaltext des "Schwures" die Stelle "wir fordern die Anerkennung der naturgebenen Ränge" überschrieben mit "wir beugen uns vor den naturgegeben Rängen." Eine Abmilderung, die eher spirituell als militärisch klingt, mehr nach Demut als nach Zwang. Ist sie ein weiteres Beispiel für sein anderes Verständnis von "Härte" etwa im Gegensatz zu Himmler, das wir bereits oben diskutierten: das entschiedene Vertreten einer Ansicht, ohne sie aber mit brutaler Gewalt durchsetzen zu müssen? Was heißt für ihn "naturgegebene Ränge"? Anlage, Talent, Vererbtes, Alter und Glanz einer Sippe?

Anhand seiner Biographie müssen wir Stauffenberg zumindest zugestehen, daß er sich nicht auf seinem Adel ausgeruht hat. Ähnlich wie heute Prinz Charles von England würde er vielleicht sagen, daß der "naturgegebene Rang" auch erfüllt und erarbeitet werden muß. Einige völkische Autoren ( Rudolf von Sebottendorff, Guido von List, Lanz von Liebenfels) versuchten, sich und ihren konfusen Theorien mit gefälschten Adelstiteln mehr Prestige zu geben. Ein solch eitles Pochen auf  "Rang" und "Abstammung" ist bei Stauffenberg nicht gemeint, vor allem, wenn er "Führende aus allen Schichten des Volkes" begrüßt, die durch Arbeit an sich selbst ("grosser Sinn", "Zucht", "Opfer") zu solchen werden sollen. Dies sind zwar veraltete Begriffe, aber Idealismus, Selbstdisziplin und Sichzurücknehmenkönnen stehen auch heute überzeugenden Führungskräften besser als Egoismus und Angeberei.

Bleibt noch der völkisch-religiöse Touch:"Nahe den natürlichen Mächten" soll das neue Deutschland sein, "der Erde der Heimat verwurzelt" und stolz auf seine "grossen Überlieferungen". Schwülstige Blut- und Bodenmystik?

Doch wäre es nicht denkbar, daß in unserer imaginären Schulklasse vielleicht Kinder aus Afrika, der Türkei, Irland oder Bosnien nach einigem Besinnen wüssten, was damit gemeint ist? Traditionspflege, die emotionale Bindung an Landschaften, Lieder, Geschichten und Vorfahren ihrer Heimat. Die deutschen Kids würden - wenn es nicht Neo-Nazis wären - vermutlich betreten zur Seite schauen oder sich mit einem Spruch aus der Klemme helfen. Denn wer von ihnen kennt das Nibelungenlied, die deutschen Heldensagen, den "Parzival", Stefan George, Goethe, Hölderlin, Novalis, Herder, den "Bamberger Reiter", Barbarossa, Friedrich II. oder das Rolandslied, von dem Stauffenberg eine moderne Erzählfassung erarbeiten wollte?

Welcher Lehrer würde es schaffen, aus diesen Themen noch einmal so viel Intensität hervorzuholen, um jungen Menschen verständlich zu machen, daß sie einmal geistige Nahrung bildeten, politische Widerstandskraft hervorbrachten und nicht zwangsläufig zu "germanischer" Selbstüberschätzung führen müssen? Gab es nicht einmal einen Johann Gottfried Herder, der deutsche Volkslieder sammelte und gleichzeitig alle Kulturen der Erde als "Schattierungen eines und desselben großen Gemäldes" anerkannte?

Die Beschäftigung mit Stauffenberg würde spannender werden, wenn auch solche Fragen jenseits aller "political correctness" diskutiert werden könnten. Er würde dadurch zu einer noch interessanteren, kontroverseren und auch zeitgemäßeren Figur: weder nur hehre Lichtgestalt, noch überbewerteter Wehrmachtsoffizier, der letztlich doch zu lange mit seinem Widerstand gezögert hat. Durch seine mutigen Taten, aber auch durch den Begriff  "Geheimes Deutschland" und den immer noch schwierig zu deutenden "Schwur" könnte der Held des 20. Juli tiefere Diskussionen sowohl über das Dritte Reich als auch über unsere Gegenwart auslösen.

Etwas ähnliches meinte wohl auch Marion Gräfin Dönhoff, eine ehemalige Weggefährtin der Widerstandskämpfer, als sie bereits 1946 schrieb:

"Das deutsche Volk hat in den zwölf Jahren der Hitler-Regierung alle Werte eingebüßt, die in Generationen geschaffen worden waren, es ist nicht nur um seine Zukunft betrogen worden, sondern auch um das Bewußtsein seiner Vergangenheit, um seine Erinnerungen - jene Urkräfte, aus denen alles neue Leben Gestalt gewinnt ... (es waren) Enttäuschung, Schuld, Verzweiflung, Ströme von Blut, die uns wie ein unüberwindliches Meer von dem Gestern trennen. Und doch hat es daneben noch etwas anderes gegeben, das viele von uns nicht kennen, weil Hitler dafür gesorgt hat, dass die Erkenntnis von diesem Besitz nicht in das Bewußtsein des Volkes einging. Das ist der Geist des 'geheimen Deutschlands' ... die Absage an den Materialismus und die Überwindung des Nihilismus als Lebensform.


Der Mensch sollte wieder hineingestellt werden in eine Welt christlicher Ordnung, die im Metaphysischen ihre Wurzeln hat, er sollte wieder atmen können in der ganzen Weite des Raumes, die zwischen Himmel und Erde liegt, er sollte befreit werden von der Enge einer Welt, die sich selbst verabsolutiert, weil Blut und Rasse und Kausalitätsgesetz ihre letzten Weisheiten waren. Und eben damit waren diese Revolutionäre weit mehr als nur Antipoden von Hitler und seinem unseligen System; ihr Kampf ist darum neben der aktuellen Bedeutung für das Zeitgeschehen unserer Tage auf einer höheren Ebene der Versuch gewesen, das 19. Jahrhundert geistig zu überwinden." (37)

Und im Jahre 1999 fügte die Gräfin noch hinzu: "Man kann nur hoffen, dass Europa irgendwann zu seiner ursprünglichen Rolle zurückfindet und wieder dafür sorgt, dass eine philosophische Dimension in die politische Diskussion und in die Vorstellungen, die unsere Welt prägen, Eingang findet ... Die ausschließliche Diesseitigkeit, die den Menschen von seinen metaphysischen Quellen abschneidet, der totale Positivismus, der sich nur mit der Oberfläche der Dinge beschäftigt und jede Tiefendimension vergessen läßt, kann als einzige Sinngebung auf die Dauer nicht befriedigen. " (38)


Diese von der Gräfin Dönhoff erwähnte "metaphysische Tiefendimension" ist auch das Thema von Rüdiger Sünners Film "Geheimes Deutschland", in dem es weniger um Stauffenberg und George, als um das spirituelle Weltbild vieler Dichter und Denker um 1800 geht. Mit Texten von Herder, Goethe, Novalis, Hölderlin u.a. begibt sich der Film in magische Landschaften Deutschlands, um an dieses wenig beleuchtete Kapitel europäischer Geistesgeschichte zu erinnern.
Anmerkungen:

1) www.gdw-berlin.de/b12/aus/b12-bex-d.htm, ausführliche biographische Daten zu Stauffenberg, George und den Widerstandskämpfern des 20. Juli bei www.dhm.de/lemo/html/biografien/StauffenbergClaus/

2) Dennoch war sowohl das Judenbild Georges als auch das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Mitgliedern seines Kreises komplex und manchmal sogar widersprüchlich. Dies arbeitete im März 2000 die Tagung "Verkannte Brüder? Stefan George und das deutsch-jüdische Bürgertum zwischen Jahrhundertwende und Emigration" an der Universität Potsdam heraus.

3) Gedicht "Boecklin" in: Stefan George: Werke, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta 1984, 232f

4) Wolfgang Venohr: Stauffenberg: Symbol der deutschen Einheit. Eine politische Biographie, Frankfurt/ Main, Berlin 1990, 45

5) Karl Wolfskehl: Die Blätter für die Kunst, in: Jahrbuch für die geistige Bewegung, Berlin 1910, 6

6) Ebd. 7

7) Ebd. 15

8) Gedicht "Geheimes Deutschland", George-Werke a.a.O. 426

9) Wolfgang Venohr: Stauffenberg, 46

10) Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1992, 63

11) Heinz Götze: Castel del Monte. Gestalt und Symbol der Architektur Friedrichs II., München 1984, 16ff und 71ff

12) Peter Hoffman, 140

13) Heinrich Himmler: Geheimreden 1933-1945, hrsg. von Bradley F. Smith und Agnes F. Peterson, Frankfurt/ Main, Berlin, Wien 1974, 51

14) Peter Hoffmann, 85

15) Gedicht "Templer", George-Werke , 255f

16) Peter Hoffmann, 137

17) Ebd. 88

18) Hans Bentzien: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der Täter und seine Zeit, Hannover 1997, 53

19) Peter Hoffmann, Ebd. 128

20) Ebd. 132 und Bentzien, 90

21) Hoffmann, 132

22) Bentzien, 106

23) Hoffmann, 229

24) Ebd.

25) Bentzien, 176

26) Hoffmann, 249

27) Ebd. 172

28) Ebd. 338

29) Gedicht "Der Widerchrist", George-Werke, 258ff

30) Peter Hoffmann, 390 und Bentzien, 290

31) Bentzien, 320

32) Hoffmann, 443

33) Ebd. 396f

34) Ebd.

35) Siehe Anmerkung 4

36) Botho Strauss: Die Fehler des Kopisten, München, Wien 1997, 100

37) Marion Gräfin Dönhoff: Macht und Moral. Was wird aus der Gesellschaft? Köln 2000, 138 und 140, zur Rolle der Gräfin Dönhoff im Widerstand siehe www.dhm.de/lemo/html/biografien/DoenhoffMarion/

38) Ebd. 31

 


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