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Das
komplexe Werk des Schweizer Tiefenpsychologen und Mythenforschers C.G.Jung
spielt in der heutigen öffentlichen Diskussion Deutschlands kaum
eine Rolle. Man findet seinen Namen in Esoterik-Zeitschriften, die ihn
als eine Art "Schamanen" verklären, auf exklusiven Kongressen
seiner Anhänger, wo diffizile Detailfragen erörtert werden oder
aber in Verbindungen mit Verdächtigungen, die von "Unwissenschaftlichkeit"
bis zu Vorwürfen des Antisemitismus oder der NS-Verklärung reichen.
In
Deutschland genügen oft einige solcher Anwürfe - ob berechtigt
oder nicht - um einen Autor mit einem Schatten zu belegen. Auch Ernst
Jünger und Rudolf Steiner etwa ging es diesbezüglich
ähnlich. Da ich Jung für einen bedeutenden Geist des 20. Jahrhunderts
halte, der gerade zum Problem Mythen und Mythenmißbrauch viel zu
sagen hat, ist es notwendig, oben genannte Vorwürfe einmal unter
die Lupe zu nehmen und zu fragen, inwieweit sie berechtigt sind und ob
sie mit dem innersten Kern seines Werkes zusammenhängen oder nicht.
Stein des Anstosses sind einige Formulierungen Jungs aus einem Aufsatz,
den er 1934 im "Zentralblatt für Psychotherapie"
veröffentlichte. Die Zeitschrift gehörte zur "Allgemeinen
Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie", die durch
mehrere nichtdeutsche Mitglieder einen internationalen Charakter hatte
und deren Vorsitzender Prof. Ernst Kretzschmer 1933 zurückgetreten
war. Auf dringende Bitten seiner Kollegen übernahm Jung den Vorsitz,
um die ideologische Gleichschaltung des Blattes zu verhindern und nutzte
seinen Freiraum als Schweizer, um den internationalen Status und die politische
Neutralität der Organisation zu garantieren. Es gab also einen internationalen
Dachverband mit verschiedenen Ländergruppen, deren deutsche im September
1934 gleichgeschaltet und von Prof. Dr. M. H.Göring, einem Vetter
des Reichsmarschalls, geleitet wurde. Trotzdem Jung 1940 wegen zu großer
Meinungsverschiedenheiten wieder ausstieg, gab allein schon diese Konstellation
später Zündstoff für Mißverständnisse und man
warf Jung in Unkenntnis der Fakten vor, Präsident einer gleichgeschalteten
deutschen Gesellschaft gewesen zu sein. Die offizielle Zeitschrift der
internationalen Vereinigung war das "Zentralblatt für Psychotherapie".
Probleme entstanden für Jung, als Prof. Göring 1934 ein deutsches
Beiheft ("Deutsche Seelenheilkunde") plante, das sich zu den
Prinzipien der Nazi-Ideologie bekennen, aber nur in Deutschland erscheinen
sollte. Durch Nachlässigkeit oder Irrtum erschien dieses "Treuegelöbnis"
jedoch auch in der regulären Nummer des Zentralblattes, wodurch der
Herausgeber Jung unfreiwillig in die Rolle des NS-Befürworters geriet.
Man warf Jung später vor, sich überhaupt mit den deutschen Ärzten
eingelassen zu haben, worauf er erwiderte, er habe sich mit seiner Reputation
für den Schutz der umstrittenen Psychotherapie einsetzen wollen.
(1)
Einen schwerwiegenden Fehler machte er jedoch damit, daß er in solch
problematischer Zeit völkerpsychologische Unterscheidungen zwischen
"Germanen" und "Juden" in der Zeitschrift
veröffentlichte, die natürlich von seinen NS-Kollegen zur Bestätigung
ihrer rassistischen Auffassungen genutzt werden konnten. Unterscheidungen
zwischen der Mentalität verschiedener Völker hatte auch Jung's
Lehrer Sigmund Freud vorgenommen, der etwa seinem Kollegen K. Abraham
schrieb, daß dieser aufgrund seiner jüdischen "Rassenverwandtschaft"
Freud's Auffassung von Psychoanalyse näher stünde als Jung.
(2) Für Jung jedoch erwiesen sich ähnliche Bemerkungen als fatal,
weil sie im oben genannten Zusammenhang stattfanden und zudem auch tatsächliche
Unkenntnisse des Judentums aufwiesen. So schrieb er in dem Aufsatz "Zur
gegenwärtigen Lage der Psychotherapie", der Jude sei aufgrund
seiner langen Leidensgeschichte desillusionierter, habe keine eigene Kulturform
und brauche zu seiner Entfaltung "ein mehr oder weniger zivilisiertes
Wirtsvolk". Demgegenüber seien die noch jungen germanischen
Völker energiegeladener und enthielten "Spannkräfte und
schöpferische Keime von noch zu erfüllender Zukunft." Das
"arische Unbewußte" habe daher ein "höheres
Potential" als das jüdische. Dies sei der Vorteil und der
Nachteil einer dem "Barbarischen noch nicht völlig entfremdeten
Jugendlichkeit" und nur aus dieser Dynamik könne man letztlich
auch die "gewaltige Erscheinung des Nationalsozialismus"
verstehen (3).
Liest man diese Begriffe ohne den Kontext des Gesamtwerkes, erschrickt
man zunächst: Wollte Jung hier auf subtile Art einen rassisch-anthropologischen
Kontrast zwischen "arisch" und "jüdisch" etablieren,
wie er später zur Rechtfertigung von Massenmord benutzt wurde? Flirtete
er heimlich mit der gewalttätigen Aura des Nazi-Regimes? Wie kam
er zu so klischeehaften und abwertend klingenden Bemerkungen? Warum äußerte
ein sonst so differenzierter Geist so etwas ausgerechnet in einer Zeit,
wo Juden bereits Demütigungen und Verfolgungen zu erleiden hatten?
Die genauere Lektüre des Artikels und anderer Äußerungen
des Autors zum Thema nimmt das Befremden über die Formulierungen
nicht weg, aber stellt sie in einen weiteren Zusammenhang. Keineswegs
bewertet Jung das "Barbarische" des Germanen einfach nur pauschal
höher gegenüber einem für minderwertig erklärten Judentum.
Wenn er vom unterdrückten Barbaren im Deutschen spricht, schwingt
immer auch Schrecken und Warnung mit. Schon 1918 sah er voraus, daß
archaische und unterdrückte Regungen gerade auch bei diesem "Kulturvolk"
ein besonders gefährliches politisches Potential bilden könnten:
"Das Christentum zerteilte den germanischen Barbaren in seine untere
und obere Hälfte, und so gelang es ihm - nämlich durch Verdrängung
der dunklen Seite - die helle Seite zu domestizieren und für die
Kultur geschickt zu machen. Die untere Hälfte aber harrt der Erlösung
und einer zweiten Domestikation. Bis dahin bleibt sie assoziiert mit den
Resten der Vorzeit, mit dem kollektiven Unbewußten, was eine eigentümliche
und steigende Belebung des kollektiven Unbewußten bedeuten muß.
Je mehr die unbedingte Autorität der christlichen Weltanschauung
sich verliert, desto vernehmlicher wird sich die 'blonde Bestie' in ihrem
unterirdischen Gefängnis umdrehen und uns mit einem Ausbruch mit
verheerenden Folgen bedrohen." (4)
Auch wenn solche Formulierungen "seriösen" Historikern
nicht sonderlich gefallen, so sind sie doch bedenkenswert, vor allem wenn
man sich dem Vorfeld des Dritten Reiches auch mit psychologischen Überlegungen
nähern will. Jung wertet die Juden nicht einfach ab, sondern sieht
in ihnen ein im Gegensatz zu den Germanen viel älteres und abgeklärteres
Kulturvolk, das sich infolge seiner langen Geschichte menschlicher Schwächen
bewußter sei. Dies ermögliche ihnen, "mit vollem Bewußtsein
in wohlwollender, freundlicher und duldsamer Nachbarschaft ihrer eigenen
Untugenden zu leben, während wir noch zu jung sind, um keine 'Illusionen'
über uns zu haben." (5) Jung hat - bereits damals für
solche Äußerungen angegriffen - seine Aussagen zunächst
als legitime "Völkerpsychologie" bezeichnet, die einem
Forscher erlaubt sein müsse, um Unterschiede herauszuarbeiten. Er
hat ausdrücklich betont, daß es sich dabei nicht um Werturteile
handle. Auch die Feststellung von Differenzen zwischen englischer und
chinesischer Mentalität seien ja normal und schlössen nicht
den Respekt vor einer alten Hochkultur aus.
Daß Jung kein Rassist war, belegen seine immer wieder geäußerten
kritischen Bemerkungen zum Dominanzstreben der "weissen Rasse"
(6) oder sein Urteil über den positiven Einfluß der Kultur
der Schwarzen für die nach Amerika ausgewanderten Europäer (7):
Einsichten, die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nicht gang und
gebe waren. Seine Äußerungen zum Judentum jedoch hatten in
dieser Zeit ein anderes Gewicht und man muß Jung in diesem Punkte
bis heute Unsensibilität, falschen Tonfall und eine aus Unkenntnis
geborene Pauschalbeurteilung vorhalten. Vermutlich hatte er - wie wir
noch sehen werden - auch negative persönliche Erfahrungen mit seinem
Lehrer Sigmund Freud ins Allgemeine einer "jüdischen Volksseele"
projiziert: ein fataler Mißgriff, der ausgerechnet einem vor den
Gefahren der Projektion warnenden Psychotherapeuten nicht passieren dürfte.
Doch wäre es berechtigt, die Kapitalismuskritik von Karl Marx als
Ganzes zu diffamieren, nur weil er den "Schacher" als das "Wesen
des Judentums" bezeichnete oder von den Slawen als "Völkerabfällen"
sprach, die vom nächsten Weltkrieg "vernichtet" werden
müßten? (8) Jung hat nicht nur selber bereits in den 30er Jahren
das Terrorregime des Nationalsozialismus scharfsinnig durchleuchtet, sondern
sich später auch intensiver mit der Vielschichtigkeit jüdischer
Kultur beschäftigt, was ihn zu differenzierteren Urteilen kommen
ließ. Er mußte sozusagen seinen eigenen Schatten abarbeiten,
was ihm zumindest teilweise gelang. Schon 1936, zwei Jahre nach den oben
genannten problematischen Äußerungen, hält er einen Vortrag
in London, wo er sich bestürzt über die politische Entwicklung
in Deutschland äußert:
"Wenn vor dreißig Jahren jemand vorauszusagen gewagt hätte,
daß die psychologische Entwicklung in Richtung eines Wiedererwachens
mittelalterlicher Judenverfolgung gehen, daß Europa erneut vor den
römischen Liktorenbündeln und unter dem Marschtritt der Legionen
erzittern würde ... und daß statt des christlichen Kreuzes
eine archaische Swastika Millionen von Kriegern zu Todesbereitschaft anködern
würde - man hätte diesen Mann als einen mystischen Narren verschrien.
Und heute? So bestürzend es erscheinen mag, dieser ganze Wahnsinn
ist gräßliche Wirklichkeit." (9)
Im selben Jahr erscheint sein berühmter "Wotan"-Aufsatz,
der vom Aufbrechen eines "furor teutonicus" unter der
dünnen Schicht christlich-aufgeklärter Kultur spricht und Deutschland
als "geistiges Katastrophenland" bezeichnet, wo die Menschen
eher von etwas "ergriffen" werden statt es zu "begreifen"
(10). Alle von Jung's folgenden Äußerungen zum Nationalsozialismus
umkreisen von nun an die Frage, wie es ausgerechnet in einem hochentwickelten
Kulturland zu einem solchen Verhängnis kommen konnte und aktualisieren
seine Einsicht von der Notwendigkeit, sich intensiver mit den archaischen
Regungen unterhalb der Zivilisationsoberfläche auseinanderzusetzen.
Was ihn einmal partiell fasziniert hatte - die euphorische Aufbruchsstimmung
zu Beginn des Dritten Reiches - führt jetzt nicht nur zu Bestürzung
und Ohnmacht, sondern zu tieferen Geschichtsanalysen, um einer bis heute
kaum verstandenen Dynamik auf die Spur zu kommen. Dabei gibt es im Denkansatz
übrigens Parallelen zur Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer,
die ebenfalls im Nationalsozialismus eine nicht für möglich
gehaltene Wiederkehr des Mythischen in "aufgeklärter Zeit"
erblickten.(11) Jung findet seine alte Forschungshypothese bestätigt,
daß Archetypen, kollektive Verhaltensmuster und archaische Bildwelten
bewußt durchgearbeitet statt verdrängt oder unbewußt
ausgelebt werden müßten. Nicht nur in Deutschland, sondern
in ganz Europa sieht er das Phänomen der "Dissoziation"
vor sich: eine Spaltung der Kultur in einen rational-fortschrittlichen
Teil, der glaubt, "primitive Stufen" überwunden zu haben,
während diese in Wirklichkeit nur in Untiefen verdrängt worden
seien, von wo aus sie von Zeit zu Zeit zurückkehrten. Denn gerade
das, was Christentum und Aufklärung verhindern wollten, geschah trotzdem:
Kollektivrausch statt individueller Freiheit, Blutmystik statt Verstandesklarheit,
Kriegerkult statt Pazifismus, Anbetung von archaischen Symbolen statt
christlicher Werte von Mitleid und Versöhnung. Interessant und bis
heute zu wenig bedacht sind Jung's auf Gesamteuropa ausgedehnte Schlußfolgerungen,
zu denen er seine Analyse des Nationalsozialismus erweitert: Auch die
Inquisition, die Hexenverfolgung, kolonisatorische Raubzüge des "weissen
Mannes", blutige Revolutionen oder das Vernichtungspotential der
Atombombe seien letztlich Folgen einer "schizophrenen" europäischen
Kulturentwicklung, die vorgab, mittelalterliche "Primitivität"
überwunden zu haben, um in noch barbarischere Exzesse zurückzufallen.(12)
Eine wichtige und bestürzende Erkenntnis, die - wie wir noch sehen
werden - auch heute noch kritisches Potential in sich birgt.
Wie jedoch verlief die Rezeption von Jung's "antisemitischen"
Ausfällen nach dem Kriege? Wie verhielt er sich dazu und wie jüdische
Freunde, Schüler und Kollegen? In einem 1946 geführten Gespräch
mit dem Rabbiner und Auschwitz-Überlebenden Leo Baeck hat
Jung Fehler eingestanden und sich entschuldigt, was zu einer Versöhnung
zwischen den beiden führte. Baeck wollte aus verständlichen
Gründen Jung erst nicht aufsuchen, aber dieser insistierte auf der
Begegnung, um Dinge für sich und den Kollegen klarzustellen. Er sei
"ausgerutscht", habe unter den spezifischen Umständen der
damaligen Situation Dinge falsch beurteilt und sich zu fatalen Äußerungen
hinreißen lassen. Der Kabbala-Spezialist Gershom Sholem berichtete
diese Begebenheit, die für ihn ausschlaggebend war, weitere Einladungen
Jung's zu dessen Eranos-Tagungen anzunehmen. (13) Interessant ist
diesbezüglich vor allem die Tatsache, daß sich jüdisch-amerikanische
Gelehrte und Psychotherapeuten viel intensiver mit diesem Problem befaßten
als ihre deutschen Kollegen. So gab es 1989 in New York eine wissenschaftliche
Tagung ("Lingering Shadows"), die sich ausschließlich
mit den Antisemitismusvorwürfen gegenüber Jung beschäftigte.(14)
Hierbei wurde nicht mit Kritik gespart, doch ohne Häme oder pauschale
Denunziation argumentiert, wie sie in Deutschland bei solchen Dingen gerne
aufkommt. Vor allem wurde auf das gespannte Verhältnis von Jung zu
seinem jüdischen Lehrer Freud hingewiesen, das zu einigen überspitzten
Verallgemeinerungen in dem oben genannten Aufsatz führte. Freud und
Jung - anfangs auch eine Vater-Sohn-Beziehung - entzweiten sich unter
Streit und Schmerzen, als die Unterschiede in ihrer Beurteilung der spirituellen
Dimension der Seele zu eklatant wurden. Während Freud in der Religion
nur unbewältigte Vaterproblematik, Aberglauben und Projektion erblickte,
waren mythische Bilder und Gottsuche für Jung elementare Bedürfnisse
des Menschen, sich mit verborgenen und transzendenten Kräften auseinanderzusetzen.
Er sah in Freud den Prototyp des säkularisierten Juden, der alle
Spiritualität zugunsten eines "modernen" naturwissenschaftlichen
Erkenntnisideals verleugnete und übertrug diese Meinung voreilig
auf das gesamte Judentum. Von dessen mystischen Aspekten - etwa der Kabbala
- wußte Jung zu diesem Zeitpunkt noch nichts.
Neben aller Kritik heben jüdische Psychologen und selbst Rabbis -
vor allem in den USA - inzwischen auch die Tatsache hervor, daß
sie gerade durch die Beschäftigung mit Jung wieder in stärkeren
Kontakt zu ihren eigenen religiösen Wurzeln kommen. Dies erklärte
auf der New Yorker Tagung etwa der Tiefenpsychologe Erich Neumann,
der in der persönlichen Auseinandersetzung mit Jung viele Anregungen
bekommen hatte, über Begriffe wie "Kollektivseele" im Hinblick
auf seine Identität als Jude nachzudenken. Ihr langjähriger
Briefwechsel über solche Fragen - so Neumann - habe keine Spur Antisemitismus
enthalten, sondern sei ein gemeinsames objektives Erforschen und Nachdenken
gewesen. (15) Veröffentlichungen wie die des Rabbiners L. Meier "Jewish
Values in Jungian Psychology" (1991) oder J. Marvin Spiegelman's
"Judaism and Jungian Psychology" (1993) weisen in eine
ähnliche Richtung. Spiegelman weist daraufhin, daß gerade nach
dem Zerfall der marxistisch-atheistischen Utopien in aller Welt Fragen
nach religiösen Wurzeln und Identitäten wieder neubelebt würden.
(16) Die spirituellen Bedürfnisse der Seele seien mehr als bloßes
"Wunschdenken". Tiefgreifende Lebensereignisse wie Tod, Verlust,
Liebe, Krise und Verwandlung wollten auch bildhaft-rituell erlebt werden.
Interessant in diesem Zusammenhang ist übrigens, daß selbst
noch ein so religionsfeindlicher Staat wie die DDR Kultformen wie etwa
die "Jugendweihe" brauchte. Spiegelman kritisiert das Verhalten
vieler säkularisierter Juden vor allem in Amerika, die nach der Auswanderung
ihre religiösen Wurzeln verloren hätten, um dann aber unbewußt
neue Bilder der "Erlösung" (z.B. Marx, Herzl) zu umarmen
(17). In seiner eigenen psychotherapeutischen Arbeit habe er immer wieder
die Bestätigung für Jung's Behauptung gesehen, daß die
Seele in ihren Grundkonflikten verblüffende Parallelen zu den großen
Mythen zeige, auch wenn der Patient gar nichts davon wüßte:
der innere Kampf mit "Engeln" und "Dämonen",
"Heldentaten", Alpträume, Besessenheiten von suggestiven
Ideengebäuden, das Hören auf "Eingebungen", die einem
sinnvolle Schritte auf dem Lebensweg nahelegen etc. (18)
Vor allem bei jüdischen Patienten seien immer wieder große
Konflikte zwischen einem säkularisierten Bewußtsein und der
Sehnsucht nach religiöser Bindung aufgebrochen, ungelöste Probleme
im Spannungsfeld zwischen Verstandesklarheit und Mystik, Freiheit und
moralischer Gesetzmäßigkeit, individueller Autonomie und Tradition.
Gerade die Beschäftigung mit Jung habe Spiegelman auch wieder zu
den eigenen religiösen Texten geführt und - etwa durch die Lektüre
von dessen berühmter "Hiob" - Interpretation - zu
einem vertieften Verstehen des jüdischen Gottesbegriffes.(19) Diesen
wichtigen Essay von Jung ignoriert z.B. auch Richard Noll, der
1993 versuchte, dessen Psychologie als eine Art völkischer Ersatzreligion
zu entlarven. (20) War Jahwe für Jung vielleicht anfangs noch eine
einseitig strafende und überdimensionale Vaterfigur, so wird ihm
1952 durch die Lektüre der alttestamentarischen "Hiob"-Geschichte
eine größere Vielschichtigkeit im Verhältnis von Jahwe
zu den Menschen klar. (21) Sowohl der "übermächtige Gott"
als auch der "kleine Mensch" machen in einem schmerzhaften Prozeß
eine Verwandlung durch. Gott muß neben seinen guten auch die grausamen
Seiten erkennen und mutet diese Erkenntnis dem Menschen zu. Hiob gelingt
dieser Kraftakt trotz vieler Zweifel und Qualen, und er wächst dadurch.
Durch seine Standhaftigkeit erscheint er gegenüber Gott sogar noch
moralisch überlegen und gewinnt eine Schärfe des Bewußtseins,
die Jahwe selbst noch nicht besitzt. Daher muß dieser sich selbst
erneuern: Als in Jesus Christus inkarnierter Gott macht er die menschlichen
Erfahrungen von Leiden und Sterblichkeit durch und verliert so die unbewußte
Allmächtigkeit, aus der er anfangs - quasi noch spielerisch - die
Welt erschuf. Diese Geschichte wurde für Jung zu einer gewaltigen
Parabel für das zwar verzweifelte, aber doch auch erfolgreiche Ringen
des Menschen mit intensiven Konflikten und Schicksalsmächten, die
ihn an seine Grenzen führen. Ein Text, der in seiner Bildgewalt und
komplexen Aussagekraft viele vergleichbare Mythen seiner Zeit (600-300
v.Chr.) übertrifft. Jung's "Hiob"-Lektüre wird eine
intensive Begegnung mit jüdischer Religion, aber er versucht auch,
die Kontinuität innerhalb der Bibel zu verstehen, ohne das Alte gegenüber
dem Neuen Testament abzuwerten. Im Gegenteil: Die Figur des Jesus Christus
scheint ihm noch als zusätzliche Erfahrungsstufe Jahwes Sinn zu machen,
aber als Jung bei der Johannes-Offenbarung ankommt, hat man den Eindruck,
daß er die komplexe Figur des jüdischen Gottes doch seinem
einseitig "guten" christlichen Pendant vorzieht. Er sieht sogar
eine Gefahr darin, daß sich das Christentum hier zu einem schroff
dualistischen Denken verengt, welches das "Böse" als "Satan"
abspaltet und glaubt, es durch Verbannung aus der Welt schaffen zu können.
Dies sei unrealistisches Wunschdenken, widerspräche der Realität
der menschlichen Psyche und berge in sich die Anlage für zukünftige
Katastrophen:
"Als Ganzheit ist das Selbst ... immer eine complexio oppositorum,
und seine Erscheinungsweise ist umso dunkler und drohender, je mehr das
Bewußtsein sich Lichtnatur vindiziert und daher auf moralische Autorität
Anspruch erhebt." (22)
Auch Spiegelman sieht dies so und betont, daß ihm gerade die Lektüre
von Jung's "Hiob" auch ein tieferes Verständnis der Problematik
des "Bösen" eröffnet habe: Nur wer lerne, in sich
das gegensätzliche Nebeneinander von "Licht" und "Dunkel"
zu akzeptieren, könne letztlich auch der Erfahrung des Göttlichen
eine angemessene Heimstatt bieten. (23) Übertragen auf den Nationalsozialismus
könnte das heißen: Der, der die Möglichkeit der eigenen
Verfehlung für denkbar hält, ist gefeiter gegen ideologische
Verführung und dualistisches Feindbilddenken, weil dieses ja stets
die eigenen Schatten nach außen projiziert. Jung schaffte dieses
hohe Ziel in seiner Anfangszeit trotz theoretischer Proklamation nur unzureichend,
aber es gelang ihm in den reiferen Jahren besser. Lebenskrisen, berechtigte
Kritik und die Beschäftigung mit Altem Testament und der Kabbala
mögen dabei geholfen haben. Am Ende wurde er von zahlreichen jüdischen
Theologen und Wissenschaftlern rehabilitiert und diese holten sich sogar
auch von ihm Anregungen zur Vertiefung ihres Weltbildes.
Was hat uns die Jung'sche Psychologie darüberhinaus heute noch zu
sagen? Seiner Archetypenlehre ist manchmal vorgeworfen worden,
reaktionär zu sein, weil sie unbeweisbare "Urbilder" oder
"ewige Grundmuster" statuiere und damit den Menschen zur unfreien
Marionette gegenüber statischen Kräften mache. Doch eigentlich
ist das Gegenteil der Fall: Jung wiederholt in seinem gesamten Werk immer
wieder die Forderung, unbewußte Verhaltensmuster und suggestive
Bilder ins Bewußtsein zu heben, um den Menschen einen freien Umgang
mit ihnen zu ermöglichen. Im Nationalsozialismus geschah das Umgekehrte.
Die Menschen gerieten in einen Rausch und überließen sich unbewußt
atavistischen Strömungen und Symbolen, wurden von etwas "ergriffen"
statt es zu "begreifen". Sie traten nicht in ein kritisches
oder befragendes Verhältnis zu archaischen Inhalten, sondern verfielen
ihnen in blinder Hörigkeit. Aus der Faszination für "Licht"
und "Sonne" wurde keine Herzenserwärmung, sondern brennende
Unduldsamkeit, die Sehnsucht nach einem geistigen Führer diente nicht
dem Lernen, sondern verkam zu blinder Gefolgschaft, Heimatliebe führte
nicht zu Souveränität, sondern zu hybridem Größenwahn,
Heldentaten und Drachenkampf dienten nicht der geistigen Weiterentwicklung,
sondern der Ausmerzung des als fremd Empfundenen. Auch heute ist diese
Problematik trotz aller "Aufklärung" nicht aus der Welt.
Daß nach wie vor viele Menschen mythischen Bildern erliegen, die
in Gewalt und Abhängigkeit münden können, beweisen problematische
Kino- und Videofilme, Nationalismus, religiöser Fundamentalismus,
Sektenwahn, Okkultismus und die Inhalte rechter Esoterik. Sie alle setzen
auf "Raunen" und suggestive Vereinnahmung, statt den Verstand
zu erziehen, auch im symbolischen Bereich genau denken und unterscheiden
zu lernen. Jung fordert keine nostalgische Aufwärmung alter Mythen,
sondern eine neue Theorie symbolischen Denkens - eine Leerstelle innerhalb
schulischer oder universitärer Institutionen bis heute. Sein Horizont
ist jedoch weiter als der von seelisch verarmten Rationalisten, weil er
die menschliche Sehnsucht nach Mythen und Bildern nicht nur verdammt,
sondern ernstnimmt, aber ihre bewußte Durchdringung fordert. "Die
Götter - unsichtbare, überpersönliche Kräfte der Seele,
besser durch die von ihnen produzierten Symbole bekannt als durch Logik
- quälen und inspirieren uns", resümiert der Analytiker
Philip T. Zabriskie Jung's Hauptanliegen: "Wachstum, der
Weg nach vorne, kann nicht bedeuten, sie zu leugnen, aber ihrer bewußt
zu werden, so daß wir nicht blind von ihren Furien getrieben werden,
sondern uns eher ihren konstruktiven Kräften öffnen. In diesem
Denken liegt Risiko und Gefahr. Es mag einen fortführen vom Schutz
der Gesetze und Konventionen. Es gibt keine Garantien von Sicherheit und
Unverletztheit. Das Folgen dieser Linie hat Jung und die Jungianer in
Zonen von Arbeit, Kunst und Beziehungen geführt, die reich und lohnend
waren, aber unzweifelhaft auch ... zu Illusionen und schädlichen
Handlungen. So müssen wir immer wieder die Wichtigkeit von Ego-Entwicklung
und Ego-Verantwortung im Auge behalten. Aber dies zugestanden, werden
Jungianer immer durch einen individualistischen und forscherischen Charakter
gekennzeichnet sein, der auch legitim ist, wenn unsere Bemühung um
Bewußtwerdung tief und beharrlich bleibt." (24)
Obwohl ich mich nicht als Jungianer bezeichnen würde, kann ich diesen
Bemerkungen nur zustimmen. Die konkrete Bedeutung von Jung's Lehre gerade
auch im Zusammenhang mit den Bilderwelten unserer Zeit (Kino, Video, Fantasy,
Computerspiele, Esoterik etc.) wird in einer der nächsten Ausgaben
behandelt werden, ebenso weitere interessante Aspekte seines Werkes (Begriff
des Archetyps, Verhältnis von Christentum und Heidentum etc.)
Anmerkungen:
1)
Aniela Jaffé: Aus Leben und Werkstatt von C.G.Jung, Zürich
und Stuttgart 1968, 89f
2)
Ebd. 95
3)
C.G. Jung, Gesammelte Werke, Band 10, Solothurn und Düsseldorf 1995,
190f
4)
Ebd. 25
5)
Ebd. 190
6)
Ebd. 106, Jung spricht hier sogar vom "arischen Raubvogel" und
seiner "unersättlichen Beutegier", die ihn "über
alle ihn nichts angehenden Länder führt" sowie von unserem
"Größenwahn, der sich zum Beispiel einbildet, das Christentum
sei die einzige Wahrheit, der weiße Christus der einzige Erlöser."
7)
Ebd. 61f
8)
Karl Marx: "Zur Judenfrage", MEW Bd.1, 376f und "Neue Rheinische
Zeitung" 1849, zitiert in Konrad Löw: Das Rotbuch der kommunistischen
Ideologie, München 1999, 74f. (Diese Stelle ist in der Marx-Engels-Gesamtausgabe
nicht enthalten)
9)
Jung, Gesammelte Werke, Bd.9/1, 60f
10)
Jung, Gesammelte Werke, Bd.10, 203ff
11)
Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Philosophische
Fragmente, Frankfurt/Main 1973
12)
Jung, Gesammelte Werke Bd. 10, 221f, 237f, 268ff, 273,
13)
Aniela Jaffé: a.a.O. 103f
14)
Aryan Maidenbaum/ Stephen A. Martin (Hg.): Lingering Shadows: Jungians,
Freudians and Anti-Semitism, Boston/ London 1991
15)
Ebd. 277ff
16)
J. Marvin Spiegelman: Judaism and Jungian Psychology, Boston/ London 1993,
21f
17)
Ebd. 47
18)
Ebd. 25f, 40
19)
Ebd. 56ff
20)
In seinem Buch "The Jung Cult. Origins of a Charismatic Movement"
(Princeton 1994) versucht Richard Noll in reiner Konzentration auf das Frühwerk
und auch dort vereinfachend nachzuweisen, daß Jung aus Aversion gegen
das "Semitische" nur die "arisch-indoeuropäischen"
Mythen interessiert hätten. Doch kommen in dessen frühen Schriften
auch Symbole und Göttervorstellungen aus Ägypten und Asien vor.
Ein paar Bemerkungen über "Siegfried", "Walhall"
und die "Walküren" sowie reale bzw. vermutete Bekanntschaften
mit völkischen Autoren reichen noch nicht aus, um aus Jung einen völkisch
orientierten Germanenmystiker á la Guido von List zu machen.
21)
C.G. Jung, Gesammelte Werke, Bd. 11, 363ff, siehe auch Micha Brumlik:
C.G.Jung. Zur Einführung, Hamburg 1993, 110 ff
22)
C.G. Jung, Ges. Werke, Bd11, 445
23)
Spiegelman: Judaism and Jungian Psychology, 77
24) Lingering Shadows, a.a.O, 313
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